Die Bündner Verkehrsdirektorin Carmelia Maissen hat ihr Interesse an der Diskussion über eine Zugverbindung zwischen S-chanf im Engadin und Livigno im italienischen Oberveltlin bekräftigt. Damit erhält die seit Jahren diskutierte Idee einer Direktroute über die Grenze neue politische Aufmerksamkeit.
Eine Vision, die Gestalt annehmen könnte
Maissen stellte klar, dass es sich derzeit um eine Vision handle und noch kein konkretes Projekt vorliege. Gleichwohl sei es wichtig, langfristige Verbesserungen des öffentlichen Verkehrs in der Region zu prüfen und Ideen offen zu diskutieren. Die Bündner Departementsleitung für Infrastruktur, Energie und Mobilität beobachte die Entwicklungen aufmerksam.
«Für uns ist es sehr interessant und wichtig, Ideen zu diskutieren, wie der öffentliche Nahverkehr im Gebiet zwischen dem Engadin und der Lombardei langfristig verbessert werden kann.»
Aus italienischer Planungssicht könnte die Idee in absehbarer Zeit an Kontur gewinnen: Ein Planungsbüro hat einen Masterplan vorgelegt, und Vertreter aus Livigno haben angekündigt, einen Ausführungsplan bis Dezember 2026 präsentieren zu wollen. Konkrete Entscheide auf kantonaler oder nationaler Ebene sind damit allerdings nicht verbunden.
Technische Eckdaten und erwartete Wirkung
Die bislang vorgestellten Unterlagen skizzieren eine vergleichsweise kurze Eisenbahnverbindung mit überwiegendem Tunnelanteil. Wichtige Kennzahlen aus der Informationsveranstaltung in Livigno lauten:
- Streckenlänge: rund 14,64 Kilometer
- Tunnellänge: etwa 12,2 Kilometer
- Geschätzte Fahrzeit: zwischen 7 und 10 Minuten
- Jährliche Fahrgastprognose: zwischen 68'000 und 193'000 Personen
Diese Werte zeigen, dass eine Direktverbindung die heutige Reisezeit deutlich reduzieren würde: Aktuell benötigt man mit dem Auto knapp 49 Minuten, mit öffentlichen Verkehrsmitteln mehr als eine Stunde.
| Merkmal | Angabe |
|---|---|
| Streckenlänge | 14,64 km |
| davon Tunnel | 12,2 km |
| Fahrzeit (geschätzt) | 7–10 Minuten |
| Fahrgastprognose pro Jahr | 68'000–193'000 |
Potentielle Nutzer und Herausforderungen
Die Studien nennen verschiedene Nutzergruppen: Grenzgänger, Tagesgäste, Touristen sowie örtliche Pendler und Besucher. Eine Direktverbindung könnte die Erreichbarkeit Livignos deutlich verbessern und den motorisierten Verkehr auf der Strasse reduzieren, was sowohl für die Verkehrssicherheit als auch für die Umweltsituation relevant wäre.
Grosse Hürden bleiben jedoch: Die Finanzierung eines aufwändigen Tunnelprojekts, die Abstimmung zwischen Schweizer und italienischen Behörden sowie die Umweltverträglichkeitsprüfungen werden zentral sein. Solche grossen Infrastrukturvorhaben benötigen umfassende Abklärungen, Planungs- und Bewilligungsverfahren und dauern in der Regel viele Jahre.
Was nun auf die Region zukommt
Für die Bevölkerung in Engadin und Obervaltellina bedeutet die Ankündigung vorerst, dass die Idee auf der Agenda bleibt. In den kommenden Monaten können die angekündigten italienischen Ausführungspläne zusätzlichen Informationsbedarf und Diskussionen auslösen. Aus Bündner Sicht ist es wichtig, frühzeitig Anforderungen an Anbindung, Kostenbeteiligung und Umweltauswirkungen zu klären.
Die politische Unterstützung, so wie sie Maissen formuliert hat, bedeutet nicht automatisch eine finanzielle Beteiligung, sondern signalisiert Bereitschaft, die Gespräche zu begleiten und zu prüfen, wie regionale Mobilitätsziele mit einer solchen Verbindung vereinbar wären.
Für die Einwohnerinnen und Einwohner der betroffenen Regionen bleibt offen, ob und wann die Vision Realität wird. Klar ist, dass die nächsten Schritte vor allem von den italienischen Planungsvorhaben und den anschliessenden bilateralen Abklärungen abhängen werden.
Die Debatte zeigt exemplarisch, wie grenzüberschreitende Mobilität in Alpenregionen vorangebracht werden kann — mit technischen Ambitionen ebenso wie mit komplexen politischen und finanziellen Fragen. Die angekündigten Unterlagen bis Dezember 2026 werden für die Region ein Gradmesser dafür sein, wie konkret die Idee bereits umgesetzt werden kann.