Das Inselspital Bern hat sich an der Erarbeitung zentraler europäischer Leitlinien zur Behandlung von Morbus Crohn und Colitis ulcerosa beteiligt. Die von der European Crohn's and Colitis Organisation (ECCO) publizierten Empfehlungen sollen einen einheitlichen, interdisziplinären Behandlungsstandard in Europa etablieren und setzen damit auch in der Schweiz neue Impulse.
Veränderter Behandlungsansatz
In den letzten Jahren haben neue, zielgerichtete Medikamente, eine frühere Einbeziehung chirurgischer Optionen und die engere Zusammenarbeit zwischen Fachdisziplinen die Versorgung von Betroffenen grundlegend verändert. Die drei neuen ECCO-Referenzpublikationen fassen diesen Wandel zusammen und formulieren konkrete Empfehlungen, wie medizinische, chirurgische und pflegerische Versorgung abgestimmt werden sollen.
Die Leitlinien empfehlen, die Therapie von Beginn an interdisziplinär zu planen. Das bedeutet: Medizinerinnen und Mediziner, Chirurgen, Pflegende und weitere Fachpersonen sollten frühzeitig gemeinsam die beste Kombination aus medikamentösen, chirurgischen und pflegerischen Massnahmen prüfen. Ziel ist es, Komplikationen zu vermeiden, die Lebensqualität zu verbessern und langfristig bessere Behandlungsergebnisse zu erreichen.
Chirurgie früher prüfen, minimale Eingriffe fördern
Neu verankert in den Empfehlungen sind die frühere Prüfung chirurgischer Eingriffe sowie der vermehrte Einsatz minimal-invasiver und organerhaltender Verfahren. Statt erst alle medikamentösen Möglichkeiten auszuschöpfen, solle die Operation als Teil eines abgestimmten Behandlungsplans betrachtet werden, wenn sie im individuellen Krankheitsverlauf den grösseren Nutzen verspricht.
- Frühe interdisziplinäre Behandlungsplanung
- Chirurgie als frühzeitige Option, nicht nur letzter Ausweg
- Förderung minimal-invasiver und organerhaltender Verfahren
- Behandlung komplexer Fälle an spezialisierten Zentren
Die Empfehlungen betonen zudem die Bedeutung spezialisierter Zentren für komplexe Fälle. Dort stehen oft gebündelte Expertise und entsprechende Infrastruktur zur Verfügung, was nach Ansicht der Expertinnen und Experten zu besseren Ergebnissen führen kann.
Patientenbeteiligung als Leitprinzip
Ein zentrales Anliegen der Leitlinien ist die stärkere Einbindung der Patientinnen und Patienten in Therapieentscheidungen. Bereits zu Beginn der Behandlung sollen Betroffene aktiv über Optionen, Ziele und Risiken informiert und in die Entscheidungsprozesse einbezogen werden. Diese Beteiligung trägt zur individuellen Anpassung der Therapie bei und stärkt die Selbstbestimmung der Patientinnen und Patienten.
In der Schweiz leben rund 50'000 Menschen mit Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa, wie die Publikation festhält. Die Erkrankungen verlaufen sehr unterschiedlich, sodass eine individuell abgestimmte und kontinuierlich angepasste Versorgung nötig ist.
Rolle des Inselspitals
Expertinnen und Experten des Inselspitals Bern haben die Leitlinien massgeblich mitgestaltet. Damit trägt das Berner Zentrum nicht nur zur klinischen Praxis vor Ort bei, sondern beeinflusst auch die standardisierte Versorgung auf europäischer Ebene. Für Patientinnen und Patienten im Kanton Bern kann dies bedeuten, dass Behandlungen künftig noch stärker an internationalen Qualitätsstandards ausgerichtet werden.
Die neue Orientierung hat auch Auswirkungen auf die Organisation der Versorgung: Interdisziplinäre Teams, spezialisierte Zentren und engere Koordination zwischen ambulanter und stationärer Versorgung gewinnen an Bedeutung. Für die Akteure im Gesundheitswesen stellen sich damit Aufgaben in der strukturellen Umsetzung, etwa bei der Ausbildung von Fachpersonal, der Schaffung entsprechender Abläufe und der Sicherstellung von Ressourcen.
Ausblick und Bedeutung
Die ECCO-Leitlinien setzen einen Rahmen, wie die Behandlung entzündlicher Darmerkrankungen künftig organisiert und durchgeführt werden soll. Für Patientinnen und Patienten bedeuten sie eine Orientierung, was in guter Versorgung zu erwarten ist. Für Ärztinnen und Ärzte sowie Kliniken stellen sie eine Arbeitsgrundlage dar, um lokale Prozesse anzupassen und die interdisziplinäre Zusammenarbeit zu stärken.
Welche konkreten Auswirkungen die Leitlinien kurzfristig auf die Versorgung in Bern haben werden, hängt von der Umsetzung in den Spitälern, in Spezialzentren sowie in der ambulanten Versorgung ab. Klar ist: Die Einbindung des Inselspitals in die Erarbeitung der Empfehlungen unterstreicht die Bedeutung der Berner Klinik in der Behandlung komplexer Darmerkrankungen.