Die Stadt Zürich und der Kanton bauen an einer technischen Antwort auf ein Naturrisiko, das lange unterschätzt wurde: Der Sihl-Entlastungsstollen soll künftige Extremhochwasser abfangen und so eine Überschwemmung ganzer Quartiere verhindern. Verantwortlich für das Projekt ist das kantonale Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (AWEL).
Warum der Stollen nötig ist
Die Sihl kann bei Extremereignissen plötzlich gewaltige Wassermengen führen. In einem markanten Fall 2005 floss das Wasser mit rund 290 Kubikmetern pro Sekunde knapp unter dem Hauptbahnhof durch. Szenarien für ein «Jahrhunderthochwasser» zeigen, dass im Extremfall ganze Quartiere betroffen und Schäden bis zu 6,7 Milliarden Franken entstehen könnten. Solche Ereignisse werden in Modellrechnungen als 500-jährig klassifiziert — der Zeitpunkt ihres Auftretens bleibt aber unberechenbar.
Wie der Stollen funktioniert
Das Herzstück ist eine etwa 2 Kilometer lange Röhre, die Wasser aus dem Sihltal direkt in den Zürichsee leitet. Im Sihltal entsteht ein Einlaufbauwerk, ein schmaler Betonkörper mit einem horizontalen Schlitz am Ufer. Er ist darauf ausgelegt, Wasser aufzunehmen sobald die Sihl einen bestimmten Wert überschreitet. Das System nutzt aufblasbare Schlauchwehre — flexible «Würste» aus Spezialgummi — die mit Luftdruck das Volumen des Einlaufs regulieren. Ziel ist, bereits oberhalb einer bestimmten Abflussmenge einen Teil des Wassers in den Stollen zu leiten, bevor die Sihl gefährlich anschwellen kann.
«Mit Verzögerungen ist bei einem so komplexen Projekt immer zu rechnen», sagt Adrian Stucki, Gesamtprojektleiter beim AWEL.
Stand der Arbeiten und Termine
Auf der Grossbaustelle Langnau am Albis arbeiten derzeit zahlreiche Teams. Die Bauarbeiten sind Blicken zufolge anspruchsvoll: Maschinen und Arbeiter kämpfen mit Staub, Lärm und Sommerhitze, dabei fliesst die Sihl teils nur knietief. Die Fertigstellung ist laut Projektleitung bis März 2027 vorgesehen — rund ein halbes Jahr später als ursprünglich geplant.
| Datum / Phase | Meilenstein |
|---|---|
| 2005 | Beinahe-Überschwemmung der Stadt Zürich |
| Baubeginn (laufend) | Erstellung Einlaufbauwerk, Tunnelbau |
| März 2027 | Geplantes Abschlussdatum |
Auswirkungen vor Ort
Neben dem technischen Nutzen hat die Baustelle konkrete Folgen für die Bevölkerung: Wander- und Velowege im Sihltal wurden umgeleitet, was zu Kritik und Vandalismus an temporären Anlagen geführt hat. Die Projektleitung rechnet damit, dass solche Spannungen mit Abschluss der Arbeiten abnehmen.
- Schutzwirkung: Reduktion des Hochwasserrisikos für tiefer gelegene Quartiere.
- Kostenrisiko: Grossprojekt mit hohen Investitionen; Verzögerungen können Mehrkosten verursachen.
- Öffentlicher Raum: Temporäre Einschränkungen für Erholungssuchende im Sihltal.
Technische Details und Risikoabschätzung
Das Einlaufbauwerk wird aktiv, sobald die Sihl rund 250 Kubikmeter pro Sekunde erreicht — ein Pegel, der statistisch etwa alle acht Jahre überschritten wird. In solchen Fällen kann der Stollen grosse Spitzen abfangen und den Abfluss in die Stadt kontrollieren. Damit reduziert das System das unmittelbare Überflutungsrisiko, ersetzt aber nicht andere Massnahmen wie Raumplanung, lokale Deiche oder vorsorgliche Evakuationspläne.
Was jetzt wichtig ist für Anwohnende
Bewohnerinnen und Bewohner in Ufernähe sollten die Informationen des Kantons und der Stadt beachten. Insbesondere bei Alarmstufen und Hochwasserwarnungen sind die kantonalen Meldesysteme und lokalen Anweisungen massgebend. Die Baustelle bleibt voraussichtlich bis zur Inbetriebnahme störend – Wegeführungen und Zugänge können sich kurzfristig ändern.
Das Projekt zeigt exemplarisch, wie Städte auf zunehmend unsichere Extremwetterereignisse reagieren: Durch technische Infrastruktur, kombiniert mit Planung und Kommunikation sollen Risiken reduziert werden. Ob das reicht, hängt nicht allein von der Röhre ab, sondern von einem Gesamtpaket aus Vorsorge, Offenheit der Behörden und der Anpassung des Siedlungsraums.
Kontakt und Informationsquellen: Das AWEL veröffentlicht periodisch Baufortschritte und Hinweise zu Wegesperrungen. Betroffene im Sihltal sollten die offiziellen Kanäle des Kantons Zürich konsultieren.