Der Rücktritt von SP-Stadtrat Peter Jans verändert die Ausgangslage in der St. Galler Stadtregierung. Für die bürgerlichen Parteien – FDP, Mitte und SVP – bietet sich erstmals seit Langem die Chance, einen zweiten Sitz in der fünfköpfigen Exekutive zu erobern. Die Situation ist deshalb bemerkenswert, weil die drei Parteien im Stadtrat zusammen deutlich stärker vertreten sind als in der Regierung.
Parlamentarische Mehrheit vs. Exekutive
Im Stadtparlament verfügen FDP und SVP je über zehn Sitze, die Mitte über neun. Zusammen belegen diese drei Parteien damit 29 von 63 Mandate – das entspricht rund 46 Prozent aller Sitze. In der fünfköpfigen Stadtsregierung stellen sie dagegen zurzeit nur einen Vertreter: Mathias Gabathuler (FDP). Die SP ist mit Maria Pappa und Peter Jans vertreten; zudem gehören Sonja Lüthi (GLP) und der parteilose Markus Buschor dem Gremium an.
Warum die Ersatzwahl anders sein kann als eine Gesamterneuerung
Die Wahlen 2024 zeigten, wie schwierig es ist, einen amtierenden Stadtrat zu verdrängen: Bei der Gesamterneuerung vom 22. September 2024 wurden alle fünf bisherigen Mitglieder bestätigt. Die damaligen Resultate:
| Kandidat | Stimmen |
|---|---|
| Maria Pappa (SP) | 12'556 |
| Peter Jans (SP) | 11'872 |
| Mathias Gabathuler (FDP) | 10'585 |
| Markus Buschor (parteilos) | 9'200 |
| Sonja Lüthi (GLP) | 9'105 |
| Patrik Angehrn (Mitte, Herausforderer 2024) | 7'234 |
Damals lag das absolute Mehr bei 8'971 Stimmen. Der Mitte-Kandidat Patrik Angehrn verfehlte das absolute Mehr um 1'737 Stimmen. Zu beachten ist, dass Angehrn gegen fünf amtierende Mitglieder antrat – eine klare Herausforderung.
Der Bisherigenbonus fällt weg
Anders als bei der Gesamterneuerung fehlt bei der Ersatzwahl der «Bisherigenbonus». Die SP wird eine neue Persönlichkeit nominieren müssen und kann nicht auf die Bekanntheit und das persönliche Stimmenpotenzial eines amtierenden Stadtrats setzen. Genau hierin sehen Beobachter die Chance für die bürgerlichen Parteien.
«Die Bürgerlichen bekommen ihre Chance»
Dieser Satz bringt die Erwartung vieler Vertreter des bürgerlichen Lagers auf den Punkt: Entscheidend dürfte sein, ob FDP, Mitte und SVP bereit sind, ihre Ansprüche zurückzustellen und in koordiniertem Vorgehen eine gemeinsame, starke Kandidatur zu unterstützen. Ohne eine solche Einigkeit bleibt die Gefahr bestehen, dass mehrere Bewerbungen der bürgerlichen Parteien einander Stimmen streitig machen und die SP die Nachfolge trotzdem stellt.
Strategische Fragen für die bürgerlichen Parteien
- Finden FDP, Mitte und SVP eine gemeinsame Kandidatin oder einen gemeinsamen Kandidaten, der breite Unterstützung erhält?
- Sind die Parteien bereit, auf parteiinterne Ambitionen zugunsten eines realistischen Wahlergebnisses zu verzichten?
- Welche Rolle spielen parteiübergreifende Profile wie Erfahrung in Verwaltung oder breites Stadtbekanntheit?
Die Antworten auf diese Fragen bestimmen, ob die Parlamentssitze sich künftig mehr im Exekutivgremium widerspiegeln. Dass die bürgerlichen Parteien im Parlament relativ stark sind, bedeutet nicht automatisch, dass sich dieses Gewicht in der Regierung abbildet. Die Praxis zeigt, dass persönliche Bekanntheit, parteiübergreifende Akzeptanz und eine koordinierte Strategie ausschlaggebend sind.
Ausblick und Bedeutung für die Stadt
Die Nachfolge von Peter Jans wird über das politische Klima in der Stadtregierung mitentscheiden. Ein zweiter bürgerlicher Sitz könnte sowohl inhaltliche Prioritäten als auch die Balance innerhalb der Exekutive verschieben – etwa bei Haushaltsentscheidungen, Stadtentwicklung oder Sozialfragen. Für die Bevölkerung ist die Ersatzwahl deshalb von unmittelbarem Interesse, denn die Zusammensetzung des Stadtrats prägt die politische Steuerung der Stadt in den kommenden Jahren.
Ob es den bürgerlichen Parteien gelingt, diese seltene Chance zu nutzen, bleibt abzuwarten. Ausschlaggebend wird im nächsten Schritt die Personalfrage sein: Wer tritt an, und wie schliessen die Parteien in den kommenden Wochen Koalitionen und Absprachen?
Die Ersatzwahl dürfte zu einem Prüfstein für die strategische Fähigkeit des bürgerlichen Lagers werden – und für die Praxis, wie in St. Gallen Parteipolitik und Verantwortung in der kommunalen Führung miteinander ausbalanciert werden.