Am Ufer zwischen Konstanz und Kreuzlingen stehen heute 22 rote Skulpturen aus Edelstahl, die den Verlauf der einstigen Grenze markieren. Die Werke sind Teil einer dauerhaften künstlerischen Intervention, die an eine bewegte Vergangenheit erinnert: einen Grenzzaun, der 1939 errichtet wurde, eine spätere Öffnung und eine kurze, aber einschneidende Wiederabschottung während der Corona-Pandemie.
Eine Grenze, viele Geschichten
Der Ursprung der Sperrung geht zurück auf das Jahr 1939, als zu Beginn des Zweiten Weltkriegs an der Grenze zwischen Konstanz und Kreuzlingen ein Zaun errichtet wurde. Laut Quellen diente dieser Zaun damals dazu, die Flucht von Jüdinnen und Juden in die Schweiz zu verhindern. Nach dem Krieg blieb die Anlage zunächst bestehen.
In verschiedenen Berichten wird als Datum der Öffnung der Grenze der 16. August 2006 genannt. An anderer Stelle ist dokumentiert, dass an diesem Datum die Grenze symbolisch durchtrennt wurde – in einer Darstellung wird dieser Akt allerdings dem 16. August 2016 zugeschrieben, als der damalige Konstanzer Oberbürgermeister Horst Frank und der damalige Kreuzlinger Stadtpräsident Josef Bieri an einem symbolischen Durchtrennen beteiligt gewesen sein sollen. Die Quellenlage weist hier unterschiedliche Angaben auf; gesichert ist, dass die feste Grenzabschrankung im Laufe des 21. Jahrhunderts entfernt und die Grenze seither weitgehend offen ist.
Die Kunstgrenze: 22 rote Figuren
Am Seeufer markieren seitdem 22 rote Skulpturen des Künstlers Johannes Dörflinger den früheren Verlauf. Die Figuren aus Edelstahl sind laut Pressemitteilung der Stadt Konstanz als Darstellung der «Trümpfe des Tarot» konzipiert. Motive wie der Magier, die Herrscherin oder das Glücksrad sollen, so heisst es, symbolisch auf die «Bedingungen der menschlichen Existenz» verweisen und zugleich den Betrachtern Raum für eigene Interpretation lassen.
«Die Bedingungen der menschlichen Existenz»
Die Skulpturen sind seither ein sichtbares Zeichen jener Grenzgeschichte: Sie markieren Trennungslinien, regen zur Auseinandersetzung mit Vergangenheit an und prägen das Erscheinungsbild am Seeufer beiderseits der Staatsgrenze.
Corona-Pandemie: Grenzzäune kehren kurzfristig zurück
Eine Ausnahme in der jüngeren Zeit war die Pandemie im Jahr 2020. Konstanz und Kreuzlingen errichteten damals für mehrere Wochen provisorische Zäune, die einen direkten Kontakt zwischen den Städten verhinderten. Zwischen den beiden Zäunen blieb ein Abstand von rund zwei Metern. Die temporäre Abschottung wurde in Berichten als aussergewöhnliche und belastende Situation beschrieben; ein Teil dieses provisorischen Zauns wird heute im Haus der Geschichte Baden-Württemberg aufbewahrt.
- 1939: Errichtung des Grenzzauns zu Beginn des Zweiten Weltkriegs.
- 2006 / 2016: In Quellen variieren Angaben zur symbolischen Öffnung beziehungsweise Durchtrennung der Grenze; beide Daten werden genannt.
- 2020: Vorübergehende Schliessung durch provisorische Zäune während der Corona-Pandemie.
- Seitdem: 22 rote Edelstahlskulpturen markieren die ehemalige Grenze am Seeufer.
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1939 | Errichtung des Grenzzauns |
| 2006 / 2016 | Angaben zur symbolischen Öffnung/Durchtrennung der Grenze variieren in den Quellen |
| 2020 | Provisorische Zäune während der Corona-Pandemie |
Für die Bevölkerung von Kreuzlingen hat diese Geschichte mehrere Ebenen. Die Skulpturen sind öffentlich sichtbar und prägen den Stadtraum; zugleich erinnern sie an eine Zeit, in der die Grenze eine lebensbedrohliche Barriere war. Die temporäre Wiedereinführung von Zäunen 2020 machte deutlich, wie verwundbar gewohnte Formen der Offenheit sind und wie rasch sich alltägliche Verflechtungen ändern können.
Die Kunstgrenze ist heute mehr als ein ästhetisches Element: Sie fungiert als Erinnerungstafel, Gesprächsanlass und als städtische Landmarke am Bodenseeufer. Für Kreuzlingen bedeutet dies eine fortdauernde Auseinandersetzung mit der eigenen Grenzgeschichte – zwischen Hoffnung auf Offenheit und der Erinnerung an Zeiten, in denen Grenzen Menschenleben entschieden haben.
Die Skulpturen laden die Menschen beiderseits des Sees ein, an den Ufern zu verweilen, Fragen zu stellen und eigene Deutungen zu finden. In einer Region, die wirtschaftlich und kulturell eng verflochten ist, bleibt die Erinnerung an die Vergangenheit Teil des gemeinsamen öffentlichen Raums.