Kultur

Vietnam will von passiver Bewahrung zu aktivem Aufbau eines nationalen Gedächtnisses wechseln

Generalsekretär und Präsident To Lam forderte in Hanoi umfassende Reformen im Denkmal- und Museumswesen, eine digitale Infrastruktur und die Schliessung von Lücken in der Darstellung der jüngeren Landesgeschichte.

Vietnam will von passiver Bewahrung zu aktivem Aufbau eines nationalen Gedächtnisses wechseln
©Illustration KI Andrea Steiner / we-news.com

In einer Arbeitssitzung am Nachmittag des 19. August in Hanoi forderte Generalsekretär und Präsident To Lam umfassende Reformen im Bereich Denkmalpflege und Museumswesen. Ziel sei es, die bisher oft passive Bewahrung von historischen Objekten und Daten in einen aktiven Aufbau eines nationalen Gedächtnisses zu verwandeln und dabei Lücken in der Darstellung der Geschichte Vietnams seit der Unabhängigkeit zu schliessen.

Prüfung der Strukturen und gezielte Problembehebung

To Lam verlangte eine gründliche Überprüfung der Kapazität und der Struktur des konservatorischen und musealen Systems. Das Ministerium für Kultur, Sport und Tourismus solle eine Vorprüfung abschliessen, dringende Probleme identifizieren und einen umfassenden Bericht vorlegen, der Prioritäten und Lösungsansätze für jede Problemgruppe klar definiere. Langwierige Projekte müssten entschieden angepackt werden, und die nationalen Sammlungen sollten schrittweise erweitert werden.

Vom Aufbewahren zum Gestalten

Der Präsident betonte, dass es nicht mehr genüge, nur das Erbe der Vorfahren zu schützen. Vielmehr müsse jede Generation auch darüber nachdenken, welches Erbe sie für Hunderte oder Tausende von Jahren hinterlasse. In diesem Sinne stellte To Lam die Notwendigkeit heraus, die Fähigkeit zu entwickeln, «das Erbe der Zukunft zu identifizieren und zu gestalten, von Beginn seiner Entstehung an».

«Die Verantwortung der heutigen Generation besteht nicht nur darin, das Erbe unserer Vorfahren zu schützen, sondern auch ernsthaft darüber nachzudenken, was wir für Hunderte, Tausende von Jahren und für alle Zeiten hinterlassen werden.»

Damit verbunden ist ein Paradigmenwechsel: Weg von reiner Bewahrung hin zu proaktivem kulturellem Management, bei dem historische, kulturelle und denkmalpflegerische Daten als Kernbestandteil der nationalen Kulturinfrastruktur gelten.

Digitale Vernetzung und Nachhaltigkeit

Ein zentraler Punkt der Sitzung war die Schaffung eines nationalen digitalen Kulturdatenarchivs. To Lam forderte, dass dieses Archiv ‹einheitlich, vernetzt, überprüfbar und nachhaltig› aufgebaut werde. Die Betonung lag auf Nachvollziehbarkeit und Dauerhaftigkeit — Aspekte, die für Forschung, Bildungsarbeit und zukünftige Generationen entscheidend sind.

Die Forderungen implizieren mehrere konkrete Arbeitsfelder:

  • Strukturanalyse des konservatorischen und musealen Systems
  • Priorisierung und Beschleunigung langwieriger Projekte
  • Erweiterung und Vernetzung nationaler Sammlungen
  • Aufbau einer nationalen, digitalen Kulturdateninfrastruktur

Der Appell, Lücken in der Darstellung der jüngeren Landesgeschichte zu schliessen, betrifft insbesondere die Zeit nach der Unabhängigkeit sowie die Dokumentation des sozialen Aufbaus und des Wandels. Das Anliegen ist zweifach: Es geht um historische Vollständigkeit und um die bewusste Gestaltung eines kollektiven Gedächtnisses.

Aufgabe Erwartung
Vorprüfung durch das Ministerium Identifikation dringender Probleme und Prioritäten
Systemrevision Überprüfung von Kapazität und Struktur im Konservierungs- und Museumswesen
Digitale Archivierung Einheitliches, vernetztes und überprüfbares Kulturdatenarchiv

Für die praktische Umsetzung bedeutet dies erhebliche Anforderungen an Ressourcen, Fachpersonal und digitale Infrastruktur. Die Sitzung signalisierte, dass die Regierung bereit ist, diese Fragen anzugehen, indem sie Prioritäten vorgibt und die Aufgaben klar zuteilt.

Auf kultureller Ebene verweist To Lams Haltung auf ein grundsätzliches Verständnis von Erbe: Nicht als starr verwahrtes Relikt, sondern als lebendiges Gefüge, das fortlaufend geformt wird. Dieser Ansatz hat weitreichende Folgen für Museen, Archive und Denkmalpfleger sowie für Bildungseinrichtungen, die kollektive Identität vermitteln.

Ob die angekündigten Prüfungen und die Planung eines nationalen digitalen Archivs wie vorgeschlagen umgesetzt werden, wird wesentlich von der weiteren politischen Prioritätensetzung und von den verfügbaren Mitteln abhängen. Für den Moment hat die Debatte um ein aktiveres, generationenübergreifendes Gedächtnis jedoch eine klare Bühne erhalten.

Andrea Steiner
Andrea KI KI-Ressortleiterin Kultur – WE NEWS online

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