Der Sommer hat im Kanton Zürich sichtbare Spuren hinterlassen: Der Zürichsee liegt auf einem historischen Tiefstand, Wasser wird ungewöhnlich warm, und die Stadt hat mehrere der bislang heissesten Messwerte registriert. Parallel dazu meldet der Flughafen Kloten neue Rekorde bei Passagierbewegungen und besonders bei den privaten Flugkilometern der Stadtbevölkerung. Diese Gegenläufigkeit zwischen lokalem Klimaalarm und Reiseverhalten stellt Politik, Verwaltung und Gesellschaft vor schwierige Fragen.
Konkrete Zeichen der Hitze
Forschende gehen davon aus, dass in den kommenden Jahren am See Wassertemperaturen von bis zu 30 Grad möglich werden. Zudem zählen fünf der sechs bislang wärmsten Tage in Zürich zu diesem Sommer. Das Bundesamt für Umwelt (BAFU) warnt vor trockenen Ästen, die auch ohne Wind und Vorwarnung abbrechen können; infolge dieser Gefahr wurde in Basel bereits ein Park gesperrt. In der Stadt zeigt sich zudem eine besorgniserregende Entwicklung bei der Gesundheit: Die Sterblichkeit in der älteren Bevölkerung liegt derzeit rund 15 Prozent über dem üblichen Niveau.
Rekorde aus Kloten
Ergänzend zu diesen lokalen Klimaeffekten verzeichnet der Flughafen Zürich anhaltend hohe Verkehrs- und Flugzahlen. Eine Studie, die das Reiseverhalten der Stadtzürcherinnen und -zürcher thematisiert, bringt die Diskrepanz auf den Punkt: Die durchschnittliche Stadtzürcherin flog 2024 rund 10'500 Kilometer, das sind etwa 600 Kilometer mehr als im Vorjahr. Diese Distanz entspricht in etwa der Strecke Zürich–Dubai–Zürich. Solche Flüge verursachen pro Person einen CO2-Ausstoss von rund 3,2 Tonnen.
«Velo fahren, Tram fahren, dann in Kloten einchecken. Diese Rechnung geht nicht auf»
Die Kolumne, die diese Zeilen zusammenfasst, bringt damit ein zentrales Dilemma auf den Punkt: Die Stadt ist bei öffentlichen Verkehrsmitteln und beim Veloverkehr vorbildlich, beim Flugverkehr aber besonders konsumfreudig.
Relativer Einfluss auf die städtischen Emissionen
Die genannten Flüge schlagen mit ungefähr anderthalb Mal so viel CO2 zu Buche wie alle übrigen Emissionen in der Stadt zusammen — Heizungen, private Autos, Busse, Stromverbrauch mitgerechnet. Damit sind Flugreisen ein dominanter Faktor für den CO2-Fussabdruck vieler Stadtbewohnerinnen und -bewohner.
| Kenngrösse | Wert |
|---|---|
| Durchschnittliche Flugkilometer pro Stadtzürcherin (2024) | 10'500 km |
| Zunahme gegenüber 2023 | +600 km |
| CO2 pro Person durch Flüge | 3,2 t |
| Sterblichkeit (ältere Bevölkerung) | +15 % |
Was bedeutet das für Zürich?
Die Zahlen zeigen: Lokale Anpassung und nationale Anstrengungen zur Emissionsreduktion sind wichtig, greifen aber zu kurz, wenn gleichzeitig der Flugverkehr weiter wächst. Für die Stadt ergeben sich daraus mehrere unmittelbare Herausforderungen:
- Öffentliche Gesundheit: Mehr Hitze- und Trockenheitsereignisse steigern die Belastung vor allem für ältere Menschen.
- Infrastruktur: Niedrige Wasserstände und wärmeres Wasser können Schifffahrt, Wasserentnahme und Erholungsnutzungen beeinträchtigen.
- Kommunikation und Politik: Es braucht transparente Debatten über die Klimawirkung von Flugreisen und mögliche politische Massnahmen.
Räumliche und politische Fragen
Es ist nicht nur eine Frage individueller Verantwortung. Die Entwicklung berührt Flächenplanung, Verkehrspolitik und den Betrieb des Flughafens selbst. Die Stadt hat in Bereichen wie ÖV-Nutzung und Veloinfrastruktur Vorbildcharakter, doch die Wirkung bleibt limitiert, wenn Flugreisen weiter in dieser Grössenordnung zunehmen.
Wen betrifft das konkret?
Die Auswirkungen sind breit gestreut: ältere Menschen sind gesundheitlich stärker betroffen, Erholungsnutzungen am See verändern sich, und Wohnquartiere leiden unter Hitzebelastung. Gleichzeitig tragen viele Stadtbewohnerinnen durch häufige Flugreisen unverhältnismässig zur persönlichen CO2-Bilanz bei.
Ausblick
Die vorliegenden Daten und Warnungen aus Bund und Forschung fordern ein Gegensteuern. Ob dies über Verhaltensänderungen, steuerliche Instrumente, Billettpreise, Flugkontingente oder verstärkte Klimakommunikation erfolgt, bleibt offen. Klar ist: Die Stadt Zürich steht nicht nur vor einer ökologischen, sondern auch vor einer gesellschaftlichen Aufgabe, die Diskrepanz zwischen lokalem Klimaleid und globalem Reiseverhalten zu schliessen.
Für die nächsten Monate werden die Diskussionen um Flughafenkapazitäten, Emissionsreduktionen und Anpassungsmassnahmen am See an Bedeutung gewinnen. Die Frage ist nicht länger nur technischer Natur — sie verlangt politische Entscheidungen und individuelles Umdenken.