Eine aktuelle Analyse der Evangelischen Arbeitsstelle für missionarische Kirchenentwicklung und diakonische Profilbildung (midi) kommt zum Schluss: Die deutsche Gesellschaft lässt sich nicht scharf in zwei Lager teilen, sondern in vier annähernd gleich grosse Grundhaltungen. Grundlage der Untersuchung ist eine repräsentative Forsa-Befragung mit 2'014 Personen ab 18 Jahren aus dem Dezember 2024.
Vier Grundhaltungen statt eines einfachen Grabens
Die Forscherinnen und Forscher ordnen die Bevölkerung in vier Gruppen, die sich in Werthaltungen, Vertrauen in demokratische Institutionen und Haltungen zu sozialen Fragen unterscheiden. Die Gruppen heissen in der Studie:
- Vertrauensvoll Wachsame (27,9%)
- Progressive Gerechtigkeitskritiker (24,2%)
- Enttäuschte Ungehörte (24,1%)
- Rundum Verunsicherte (23,9%)
| Gruppe | Anteil |
|---|---|
| Vertrauensvoll Wachsame | 27,9% |
| Progressive Gerechtigkeitskritiker | 24,2% |
| Enttäuschte Ungehörte | 24,1% |
| Rundum Verunsicherte | 23,9% |
«Was uns trennt. Was uns ins Gespräch bringt.»
Unterschiede in Vertrauen, politischen Präferenzen und Sorgen
Laut midi zeichnen sich die Gruppen durch unterschiedliche Sichtweisen auf Demokratie, soziale Gerechtigkeit, Migration, Klima und Rechtsextremismus aus. Die grösste Gruppe, die Vertrauensvoll Wachsamen, zeigt hohe Zufriedenheit mit dem eigenen Leben und dem Funktionieren der Demokratie; staatliche Umverteilung lehnen sie überwiegend ab und sie neigen eher zu CDU/CSU.
Die Progressiven Gerechtigkeitskritiker vertrauen ebenfalls demokratischen Institutionen, üben aber Kritik an sozialer Ungleichheit und nennen Rechtsextremismus und Klimakrise als zentrale Sorgen. Politisch finden sie sich häufiger bei Grünen und SPD wieder. Dagegen sind die Enttäuschten Ungehörten deutlich kritischer gegenüber Demokratie, Migration und Islamismus; diese Gruppe enthält mehr Männer und einen höheren Anteil aus Ostdeutschland und weist eine stärkere Nähe zur AfD auf.
Die Rundum Verunsicherten zeigen ebenfalls Skepsis gegenüber der Demokratie, unterscheiden sich politisch jedoch von den Enttäuschten: Sie verorten sich häufiger in der Mitte und weisen geringere Parteibindung auf. Nur etwa 11% dieser Gruppe sympathisieren mit der AfD, sagt die Studie.
Meinungsfreiheit als zentraler Konfliktpunkt
Die Autoren heben hervor, dass die Einschätzungen zur Meinungsfreiheit besonders weit auseinandergehen. Während manche Gruppierungen eine starke Betonung auf freie Meinungsäusserung legen, sehen andere in bestimmten Äusserungen eine Gefahr für die Gesellschaft oder fordern stärkere Regeln. Diese Divergenz macht Dialog und demokratische Streitkultur anspruchsvoll.
Die Studie will keine starren Milieugrenzen ziehen, sondern «Werthaltungen und Dynamiken» beschreiben. Damit liefert sie ein nuanciertes Bild, das politischen Akteuren, Kirchen, zivilgesellschaftlichen Organisationen und Medien Orientierung bieten kann. Statt einfacher Dualismen beweist die Forschung: Gesellschaftliche Konfliktlinien sind vielschichtiger und lassen sich nicht mit dem Schema links–rechts oder Demokraten–Antidemokraten vollumfänglich erfassen.
Folgen für Politik und Gesellschaft
Für die Praxis bedeutet das: politische Kommunikation und gesellschaftlicher Dialog müssen differenzierter angelegt werden. Massnahmen, die allein auf eine Polarisierung zwischen zwei Lagern reagieren, greifen laut midi zu kurz. Vielmehr braucht es Formate, die Brücken zwischen unterschiedlichen Werthaltungen bauen und spezifische Sorgen adressieren, etwa zur sozialen Sicherheit, zur Integration oder zur Wahrung von Freiheitsrechten.
Die Daten der midi-Analyse eröffnen politische Handlungsspielräume, fordern aber zugleich dazu auf, die vielgestaltigen Ursachen von Misstrauen und Verunsicherung ernst zu nehmen – insbesondere in Regionen und Bevölkerungsgruppen, die sich weniger vom politischen System vertreten fühlen.
Die vollständige Auswertung basiert auf der Forsa-Befragung von Dezember 2024 und steht nun als Grundlage für weitere Forschung und politische Diskussionen zur Verfügung.