Das Altern ist nicht für alle Menschen derselbe Prozess: Eine neue Analyse aus Grossbritannien zeigt, dass sich die molekularen Marker des Alterns bei Gleichaltrigen sehr unterschiedlich entwickeln. Die Forschenden folgerten, dass individuelle Alterungswege für künftige Strategien in der Präzisionsmedizin von zentraler Bedeutung sein könnten.
Unterschiedliche molekulare Veränderungen über Jahre
Ein Forschungsteam um Julia El‑Sayed Moustafa vom King's College London untersuchte Daten aus der Zwillingskohorte «TwinsUK». Dabei wurden 335 Frauen im Alter zwischen 32 und 80 Jahren über einen Zeitraum von bis zu acht Jahren wiederholt untersucht. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler analysierten die Genaktivität im Blut sowie 1'197 Metaboliten im Serum, um Veränderungen der molekularen Alterungsmarker zu erfassen.
Insgesamt veränderten sich über einen mittleren Beobachtungszeitraum von sechs Jahren mehr als 5'000 Gene und 181 Metabolite. Viele der betroffenen Faktoren stehen in Verbindung mit altersbedingten Erkrankungen wie kardiovaskulären und neurodegenerativen Krankheiten.
«Das Verständnis solcher individueller Unterschiede im Verlauf über die Zeit hinweg wird für zukünftige Ansätze der Präzisionsmedizin von entscheidender Bedeutung sein»,
schreiben die Autorinnen und Autoren im Fachblatt Science. Dies hebt die Relevanz der Befunde für die Entwicklung personalisierter Präventions‑ und Behandlungsstrategien hervor.
Abweichende Verläufe bei einzelnen Teilnehmerinnen
Bemerkenswert ist, dass einige Teilnehmerinnen Veränderungen zeigten, die deutlich von den allgemeinen Trends abwichen oder gar in entgegengesetzte Richtungen verliefen. Solche individuellen Muster deuten darauf hin, dass Messungen des «biologischen Alters» nicht ohne Weiteres auf Populationsebene verallgemeinert werden können.
Beispielhaft nennen die Forschenden Gene, deren Aktivität im Lauf der Zeit sank, darunter das Tumorsuppressor‑Gen TP53. Eine Abnahme der Aktivität solchen Typs könnte potenziell das Krebsrisiko beeinflussen, erklären die Autorinnen und Autoren.
Konsequenzen für Forschung und Praxis
- Die Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit, individuelle Verläufe bei der Entwicklung von Biomarkern für Alterungsprozesse zu berücksichtigen.
- Langzeitbeobachtungen und wiederholte Messungen erscheinen wichtig, um verlässliche Aussagen über das biologische Alter zu treffen.
- Für die Präzisionsmedizin bedeutet dies, dass Interventionen zur Verzögerung altersassoziierter Erkrankungen zunehmend patientenspezifisch ausgerichtet werden sollten.
Für die Schweiz haben die Resultate mehrere Implikationen: Forschungszentren, die an Biomarkern des Alterns arbeiten, sollten bei Studien Designs wählen, die wiederholte Messungen über Zeiträume von Jahren vorsehen. Für die klinische Anwendung könnte es bedeuten, dass Therapien oder Präventionsmassnahmen künftig stärker auf individuelle biologische Profile abgestimmt werden müssen, statt allein auf das Kalenderalter zu setzen.
Stärken und Einschränkungen der Studie
Die Studie zeichnet sich durch wiederholte Messungen und ein breites molekulares Profil aus, was robuste Einblicke in zeitliche Dynamiken erlaubt. Wichtige Einschränkungen sind jedoch zu beachten: Die Kohorte besteht ausschliesslich aus Frauen und stammt aus einer spezifischen Zwillingskohorte, was die Übertragbarkeit auf Männer oder andere Bevölkerungsgruppen limitiert. Zudem handelt es sich um Beobachtungsdaten; kausale Schlussfolgerungen über Ursachen der Veränderungen sind daher eingeschränkt.
Die Autorinnen und Autoren fordern weitere, grössere und diversere Längsschnittstudien, um die Heterogenität der molekularen Alterung besser zu verstehen und eindeutige biomarkerbasierte Altersprognosen zu entwickeln.
| Parameter | Wert |
|---|---|
| Teilnehmerinnen | 335 |
| Altersspanne | 32–80 Jahre |
| Medianer Beobachtungszeitraum | 6 Jahre |
| Veränderte Gene | >5'000 |
| Analysierte Metaboliten | 1'197 (181 veränderte) |
Die Studie liefert wichtige Hinweise, dass das biologische Altern komplex und individuell ist. Für Forschung, Prävention und klinische Praxis bedeutet dies: Ein «one‑size‑fits‑all»-Ansatz wird zunehmend weniger gerechtfertigt sein, weshalb personalisierte Strategien an Bedeutung gewinnen dürften.