Eine internationale Modellstudie kommt zum Schluss: Selbst ambitionierte Naturschutzmassnahmen, wie sie in der EU-Biodiversitätsstrategie oder im globalen Naturabkommen (GBF) vorgesehen sind, reichen nicht aus, um den kontinuierlichen Rückgang vieler Vogel- und Insektenarten in Europa umzukehren. Die Forschenden fordern deshalb weitreichendere Veränderungen in der Landnutzung und der Landwirtschaft.
Mehr als Schutzgebiete allein
Die Analyse zeigt, dass traditionelle Massnahmen wie das Ausweisen zusätzlicher Schutzgebiete und gezielte Wiederherstellung von Lebensräumen zwar positive Effekte haben, diese jedoch nicht die zugrunde liegenden Treiber des Artenschwunds beseitigen. Entscheidend sind demnach auch:
- Reduktion des Flächenverbrauchs durch Siedlungs- und Infrastrukturentwicklung;
- Weniger intensive Landwirtschaft mit grösserer Vielfalt in Feldwirtschaft und Grünland;
- Mehr Landschaftsvielfalt durch Hecken, Randstreifen, Blühflächen und extensivere Bewirtschaftung;
- Schonender Umgang mit verbleibenden natürlichen Ressourcen, etwa Gewässer- und Bodenpflege.
Die Studie betont, dass eine reine Fokussierung auf Schutzflächen das Problem verlagert, aber nicht löst. Ohne grundlegende Veränderungen in Produktion, Planung und Raumordnung bleibe der Trend des Biodiversitätsverlusts bestehen.
Warum das auch die Schweiz betrifft
Der Rückgang von Vögeln und Bestäubern ist kein rein europäisches Phänomen mit Grenzen ausserhalb der Schweiz. Intensive Bewirtschaftung, Flächenversiegelung und fragmentierte Habitate betreffen auch unsere Kulturlandschaften. Arten wie Feldlerche, die in intensiv genutzten Grasländern grosse Verluste verzeichnen, kommen auch in der Schweiz vor. Damit stehen zentrale Leistungen unserer Ökosysteme — etwa Bestäubung und Bodenfruchtbarkeit — unter Druck.
| Handlungsfeld | Beispiele für notwendige Massnahmen |
|---|---|
| Landnutzung | Strengere Steuerung des Flächenverbrauchs, Verdichtung statt Zersiedelung |
| Landwirtschaft | Förderung extensiver Bewirtschaftung, Fruchtfolge, Blühflächen und Hecken |
| Raumplanung | Integration von Biodiversität in kommunale und kantonale Richtpläne |
Für die Schweiz bedeuten diese Befunde, dass kantonale und kommunale Planungsbehörden, die Landwirtschaftspolitik sowie Naturschutzorganisationen eng zusammenarbeiten müssen. Schutzgebiete sind wichtig, können aber nur Teil einer umfassenderen Strategie sein.
Konsequenzen für Politik und Praxis
Die Forschenden fordern ein «Umsteuern» über den klassischen Naturschutz hinaus. Das betrifft mehrere Ebenen:
- Politik: Anreize in der Agrarpolitik Richtung extensivere Produktion; stärkere Vorgaben gegen Flächenverbrauch.
- Raumplanung: Gemeinsame kantonale Strategien gegen Zersiedelung und für Vernetzung von Habitaten.
- Wissenschaft & Zivilgesellschaft: Monitoring, adaptive Management-Strategien und Beteiligung lokaler Akteure.
Die Studie macht deutlich, dass kurzfristig sichtbare Erfolge in Schutzgebieten nicht automatisch zu einer Trendwende führen. Vielmehr braucht es systemische Änderungen, die Produktionsweisen, Konsummuster und Planung betreffen.
Für die Schweiz bedeutet dies: Wer ambitionierte nationale oder kantonale Biodiversitätsziele erreichen will, muss Schutzgebiete mit konkreten Massnahmen zur Reduktion des Flächenverbrauchs und zu einem agrarpolitischen Umbau verbinden. Nur so lassen sich die ökologischen Funktionen erhalten, von denen auch Landwirtschaft und Gesellschaft abhängen.
Die Studie unterstreicht damit die Dringlichkeit, Biodiversität nicht als isoliertes Naturschutzthema zu betrachten, sondern als Querschnittsaufgabe, die Raumordnung, Landwirtschaft und Klima- und Umweltpolitik vereint.