Hamburgs Schulbehörde hat 427 angehende Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst eindringlich dazu aufgerufen, sich deutlich gegen Hetze und Menschenfeindlichkeit zu positionieren. Bildungsstaatsrätin Katharina von Fintel betonte bei der Vereidigung, dass Lehrpersonen zwar keine parteipolitische Vertretung übernehmen, aber in Fragen von Menschenwürde und Demokratie nicht neutral bleiben dürften.
Klare Grenze zwischen politischer Neutralität und Schutz der Menschenwürde
Die Schulbehörde weist damit auf einen zentralen Spannungsbogen in der politischen Bildung hin: Der sogenannte Beutelsbacher Konsens verbietet es Lehrkräften, Schülerinnen und Schüler zu überreden oder ihnen eine bestimmte Meinung aufzuzwingen. Zugleich müsse eine demokratische Schule deutlich benennen, wo die Grenze des Sagbaren überschritten werde und eine Meinung in einen Angriff auf Menschen oder die freiheitliche Ordnung umschlage.
„Als Lehrkraft vertreten Sie keine parteipolitische Position. Gegenüber Diskriminierung und Menschenfeindlichkeit können Sie jedoch nicht neutral bleiben.“
Von Fintel stellte klar, dass es beim Eintreten für Demokratie nicht um Indoktrination, sondern um die Verteidigung grundlegender Werte gehe. Wo demokratische Regeln missachtet würden, müsse es Widerspruch geben, sagte sie im Großen Festsaal des Rathauses.
Zahlen zum Lehrkräfteeinstieg und zu Bewerbungen
Die nun aufgenommenen 427 Nachwuchslehrkräfte treten einen 18 Monate dauernden Vorbereitungsdienst an, der vom Landesinstitut für Qualifizierung und Qualitätsentwicklung und von den Schulen begleitet wird. Die Hamburger Schulbehörde meldet für diese Runde deutlich mehr Bewerbungen als Plätze:
- Bewerbungen: 1.062
- Plätze: 427
- Notendurchschnitt aus dem Studium: 1,64
Zum Vergleich: In der vorherigen Runde standen 393 Plätze 938 Bewerbungen gegenüber. Damit verschlechtert sich das Verhältnis von Bewerbern zu verfügbaren Ausbildungsplätzen weiter.
| Runde | Bewerbungen | Plätze |
|---|---|---|
| Aktuelle | 1.062 | 427 |
| Vorherige | 938 | 393 |
Profil der neuen Lehrkräfte
Weitere Merkmale der Gruppe geben Aufschluss über Trends im Lehrberuf:
- Durchschnittsalter: 30,2 Jahre
- Jüngste: 23 Jahre, Älteste: 60 Jahre
- Frauenanteil: 72,6 Prozent
- Quereinsteigerinnen und -einsteiger: 3,8 Prozent (weiter gesunken)
- Männeranteil: leichter Anstieg um 4,1 Prozentpunkte im Vergleich zum Einstellungstermin im Februar
Die meisten Plätze gingen erneut an die Vorbereitungsdienste für Lehramt Sekundarstufe I und II (Stadtteilschulen und Gymnasien), gefolgt von den Grundschulen — ein Hinweis auf anhaltende Nachfrage in höheren Schulstufen.
Konsequenzen für Ausbildung und Praxis
Die Aufforderung, klar gegen Menschenfeindlichkeit Stellung zu beziehen, hat mehrere praktische Implikationen für die Ausbildung und den Schulalltag:
- Fortbildung und Reflexion: Lehrpersonen brauchen Methoden, um diskriminierende Äußerungen zu erkennen und pädagogisch angemessen darauf zu reagieren.
- Lehrpläne und Schulklima: Schulen sind gefordert, Regeln des Zusammenlebens und demokratische Werte sichtbar zu machen, ohne dabei politische Neutralität in der Vermittlung zu verletzen.
- Unterstützung durch Schulleitungen: Konkrete Handlungsleitfäden und Rückendeckung sind nötig, damit Lehrkräfte sicheren Widerspruch leisten können.
Für Eltern, Lehrkräfte und Jugendliche bleibt zentral, dass die Balance zwischen politischer Bildung und dem Schutz vor Hetze nicht abstrakt, sondern praktisch und lernförderlich gestaltet werden muss. Die Zahlen aus Hamburg zeigen zugleich: Der Lehrkräftenachwuchs ist qualitativ gut aufgestellt (Notendurchschnitt 1,64) und relativ jung, stellt aber auch Anforderungen an die Ausbildungsinstitutionen, die Zukunft der Schule mitzugestalten.
Die Schulbehörde in Hamburg setzt mit der jetzigen Vereidigung ein Zeichen: Lehrkräfte sind nicht neutrale Instrumente, wenn es um die Verteidigung der Menschenwürde geht. Wie dieses Prinzip didaktisch umgesetzt wird, bleibt Aufgabe von Ausbildnerinnen, Schulleitungen und der Bildungspolitik.