In den USA ist ein fast 100 Seiten starkes Kapitel zur Klimawissenschaft aus einem Standardwerk für Richter entfernt worden. Das hat Folgen für die Art und Weise, wie Gerichte wissenschaftliche Erkenntnisse in Verfahren, etwa gegen Öl- und Gaskonzerne, prüfen und bewerten. Die Debatte um die Änderung betrifft nicht nur die Vereinigten Staaten; sie wirft auch in der Schweiz Fragen auf über die Rolle von Wissenschaft in Rechtsstaat und Verwaltung.
Was ist geschehen?
Das Reference Manual on Scientific Evidence, herausgegeben vom Federal Judicial Center (FJC), gilt als wichtiges Nachschlagewerk für US-Richter im Umgang mit fachwissenschaftlichen Beweisen. Die vierte Auflage, erschienen Ende 2025, enthielt erstmals ein ausführliches Kapitel zur Klimawissenschaft. Autorinnen und Autoren waren die Juristin und Klimaexpertin Jessica Wentz sowie der Klimaforscher Radley Horton von der Columbia University. Das Kapitel erklärte Grundlagen des Treibhauseffekts, Methoden der Klimamodellierung und die sogenannte Attributionsforschung, die untersucht, inwieweit einzelne Emissionen und Ereignisse bestimmten Verursachern zugeordnet werden können.
Warum wurde das Kapitel gestrichen?
Laut Berichten wurde das Kapitel nach politischem Druck aus einigen Kreisen aus dem Werk entfernt. Kritiker sehen darin den Versuch, Erkenntnisse der Klimawissenschaft weniger zugänglich für Richter zu machen, gerade in einer Zeit, in der zahlreiche Städte und Bundesstaaten Klagen gegen Öl- und Gaskonzerne führen. Für Juristen ist das Manual mehr als ein Lehrmittel: Gerichtsurteile zitieren die Publikation nach Angaben ihrer Autoren bereits mehr als 1'300 Mal.
«And Yet It Warms.»
Mit diesem Titel kommentiert der US-Bundesrichter Jed Rakoff den Vorgang in einem Beitrag in der New York Review of Books und macht damit auf die Brisanz der Entscheidung aufmerksam.
Folgen für Rechtspraxis und öffentliches Vertrauen
Die Streichung hat zwei unmittelbare Effekte: Erstens entzieht sie Richtern eine komprimierte, fachlich abgestützte Orientierungshilfe, die komplexe naturwissenschaftliche Konzepte in juristische Fragestellungen übersetzt. Zweitens sendet der Schritt ein Signal in die Auseinandersetzung zwischen Wissenschaft und Politik, das das Vertrauen in eine unabhängige Justiz belasten kann, wenn wissenschaftliche Standards durch politischen Einfluss Veränderungen unterliegen.
- Das Manual wurde seit 1994 wiederholt überarbeitet und von Gerichten vielfach zitiert.
- Die vierte Auflage enthielt erstmals ein umfangreiches Kapitel zur Klimawissenschaft.
- Attributionsforschung, zentral in Verfahren gegen Emittenten, war Thema des entfernten Kapitels.
Für die Schweiz sind solche Entwicklungen bedeutsam, weil sie zeigen, wie wissenschaftliche Expertise in juristischen Auseinandersetzungen politisiert werden kann. Schweizer Gerichte, Verwaltungen und Fachbehörden stehen ebenfalls vor der Aufgabe, komplexe wissenschaftliche Befunde in rechtlich fassbare Formen zu bringen — sei es in Planung, Umweltschutz oder Haftungsfragen. Ein Wegfall verlässlicher, fachlich fundierter Leitlinien im Ausland kann indirekt auch die nationale Debatte beeinflussen.
Konsequenzen und offene Fragen
Die Diskussion wirft mehrere Fragen auf, die über die USA hinausgehen: Wer entscheidet, welche wissenschaftlichen Erkenntnisse für Gerichte zugänglich aufbereitet werden? Wie können Richterinnen und Richter unabhängige, fachlich gesicherte Informationen erhalten, wenn Standardwerke politischem Druck ausgesetzt sind? Und wie stellen Gesellschaft und Institutionen sicher, dass wissenschaftliche Evidenz in wichtigen Rechts- und Verwaltungsentscheidungen Berücksichtigung findet?
Die Streichung des Kapitels ist ein Warnsignal, das Richter, Wissenschaftlerinnen und Zivilgesellschaft ernst nehmen sollten. Eine robuste Rechtsstaatlichkeit braucht transparente, fachlich fundierte Grundlagen — gerade in Sachfragen, bei denen Wissenschaft und Politik eng verflochten sind, wie beim Klima.