Locarno hat an seinem 79. Festival den US-amerikanischen Maskenbildner Rick Baker mit einem Ehrenpreis ausgezeichnet. Der Mann, der in Hollywood als einer der prägendsten «Monstermaker» gilt, erhielt den «Vision Award» für sein Lebenswerk und war Gast auf der Piazza Grande, wo sein Schaffen in Filmvorführungen und Gesprächen gewürdigt wurde.
Praktische Effekte als Handwerk und Erzählmittel
Baker prägte das Bild von Werwölfen, Zombies und anderen Kreaturen in der populären Filmkultur. Seine Karriere nahm in den frühen 1970er-Jahren Fahrt auf; eine frühe Arbeit war die Kreatur aus «Octaman». Den internationalen Durchbruch brachte ihm jedoch vor allem die Zusammenarbeit mit John Landis: Die Verwandlungsszene in «An American Werewolf in London» (1981) setzte damals neue Standards, weil die Metamorphose in Echtzeit gezeigt wurde – und das Jahrzehnte vor der Verbreitung computergenerierter Bilder.
Für diese Arbeit erhielt Baker 1981 den ersten Oscar in der damals neu eingeführten Kategorie für das beste Make-up. In der Folge gewann er insgesamt sieben Oscars und prägte damit ein Bewusstsein dafür, dass Make-up und Maskenbild mehr sind als dekorativer Aufwand: Sie sind erzählerisches Handwerk und schaffen physische Präsenz, die das Publikum unmittelbar ansprechen kann.
«Selten habe er solches Vertrauen in seine Arbeit genossen, wie in der Zusammenarbeit mit John Landis»,
erklärte Baker in Locarno und erinnerte damit an jene seltene, produktive Verbindung zwischen Regisseur und Maskenbildner, die experimentelle Ideen ermöglicht.
Von Werwölfen zu Pop-Ikonen
Bak ers Bekanntheit reicht über den Horrorgenre hinaus: Zwei Jahre nach «An American Werewolf in London» arbeitete er am Musikvideo zu «Thriller» (1983), in dem er Michael Jackson in furchteinflössende Gestalten verwandelte. Das Video trug massgeblich dazu bei, Make-up und Maskenbild in der Popkultur neu zu verankern und die visuelle Wirkung von Musikclips zu erweitern.
Beim Locarno Festival wurden nicht nur Ausschnitte aus Bakers Œuvre gezeigt, sondern sein Wirken in einen grösseren Diskurs über Kinohandwerk und Special Effects gestellt. Die Retrospektive und die Ehrung machen deutlich, dass praktische Effekte bis heute filmische Möglichkeiten eröffnen, die sich von reiner CGI-Nutzung unterscheiden: Sie wirken körperlich, unmittelbar und oft mit einer handwerklichen Dichte, die Regie und Schauspiel in andere Register führt.
- Ausgezeichnet: Rick Baker erhielt den «Vision Award» auf der Piazza Grande.
- Wichtige Stationen: «Octaman», «An American Werewolf in London», «Thriller».
- Erfolge: Insgesamt sieben Oscars für Make-up.
Folgen für das heutige Filmschaffen
Die Locarno-Auszeichnung ist auch eine Erinnerung daran, dass Festivals nicht nur Filme, sondern auch Techniken und Berufsgruppen ins Rampenlicht rücken. In einer Zeit, in der digitale Effekte allgegenwärtig sind, lenkt die Würdigung Bakers die Aufmerksamkeit auf die ästhetischen und narrativen Qualitäten praktischer Effekte. Für Schweizer Filmschaffende und die Festivalöffentlichkeit eröffnet dies die Chance, Fragen der Materialität, des Handwerks und der Zusammenarbeit neu zu verhandeln: Wie integrieren Regisseure praktische und digitale Effekte sinnvoll? In welchem Verhältnis stehen physische Masken zu virtuellen Erweiterungen?
Locarno setzt mit der Ehrung zudem ein internationales Signal: Nicht nur Regisseure und Schauspieler prägen das Filmerbe, sondern auch jene Handwerkerinnen und Handwerker, die Figuren Form geben. Baker bleibt ein Beispiel dafür, wie technisches Können, künstlerische Vorstellungskraft und enge Zusammenarbeit mit Regie und Produktion eine eigene Filmsprache schaffen können.
Die Retrospektive in Locarno bot dem Publikum die Möglichkeit, Klassiker neu zu sehen und die Textur dieser oft übersehenen Filmkunst zu erleben — ein passender Rahmen, um einem Künstler Tribut zu zollen, der Massstäbe gesetzt hat.