Der Regierungsrat des Kantons Aargau hat die Bundesvorlage «Verkehr '45» als unzureichend beurteilt und verlangt vom Bund klarere und weitergehende Massnahmen zum Ausbau der Eisenbahninfrastruktur. Im Zentrum der Kritik steht der national bedeutende Engpass zwischen Olten, Aarau und Zürich, der nach Auffassung des Kantons dringend behoben werden muss, damit die Leistungsfähigkeit des gesamten Schienennetzes erhalten bleibt.
Regierungsrat sieht Vorlage als unausgereift
In seiner am Freitag veröffentlichten Stellungnahme an das Bundesamt für Verkehr (BAV) bezeichnet der Aargauer Regierungsrat den Vorschlag des Bundes für den Bahnausbau als «nicht ausgereift». Er erwartet, dass die Lösung des Mobilitätsengpasses auf der West‑Ost‑Achse zügig angegangen wird und fordert unter anderem, die Planung für eine Bahn‑Direktverbindung zwischen Aarau und Zürich weiterzuführen.
«Der Vorschlag des Bundes für den Ausbau der Eisenbahninfrastruktur sei ‹nicht ausgereift›.»
Der Regierungsrat macht geltend, dass in der Vorlage trotz hoher Nachfrage und prognostiziertem Wachstum im Mittelland viele Massnahmen gestrichen worden seien. Dies betreffe gemäss Aargau auch Projekte, deren Fehlen ein Risiko für die Stabilität des nationalen Netzes darstelle.
Heitersbergtunnel als «Stabilitätsrisiko»
Besonders heikel erscheine die Situation rund um den SBB‑Heitersbergtunnel: Ohne ergänzende Kapazitäten bleibe der Tunnel ein engpassbedingtes Stabilitätsrisiko für das gesamte schweizerische Schienennetz, schreibt der Regierungsrat. Der West‑Ost‑Verkehr müsse sich die vorhandenen Trassen mit Zubringern zum grossen Rangierbahnhof sowie mit dem schnellen Verkehr zwischen Basel und Zürich teilen.
Aus Sicht des Kantons betreffen die Folgen nicht nur den nationalen Fernverkehr: Es bestehe das Risiko, dass Verbesserungen im Fernverkehr zulasten des Regionalverkehrs im Aargau gehen. Der Regierungsrat warnt vor möglichen Reisezeitverlängerungen, Unterbrüchen in Reiseketten und dem Verlust von Direktverbindungen in die Ost‑ und Westschweiz.
Konkrete Forderungen
Der Aargau fordert vom Bund unter anderem:
- Rasche Weiterführung der Planung für eine Direktverbindung Aarau–Zürich.
- Erhöhung der Kapazitäten auf der West‑Ost‑Achse, damit Regionalzüge, S‑Bahnen und Schnellzüge ausreichende Trassen erhalten.
- Wiederaufnahme oder Ergänzung gestrichener Massnahmen in der Vorlage «Verkehr '45», die für die Mittelland‑Prognosen relevant sind.
«Es braucht zwingend eine Erhöhung der Kapazitäten.»
Nationalstrassen‑Ausbau erfüllt dringendes Anliegen
Während der Regierungsrat beim Bahnausbau Nachbesserungen einfordert, zeigt er sich beim Ausbau der Nationalstrassen zufrieden: Das Projekt, die Autobahn A1 zwischen Aarau und Ost‑Birrfeld auf sechs Spuren zu erweitern, bezeichne er als weit fortgeschritten. Damit werde ein Engpass im zentralen Mittelland auf der West‑Ost‑Achse beseitigt — ein «dringendstes Anliegen» des Kantons.
Auswirkungen für Pendler und Gemeinden
Die Kritik des Regierungsrats hat konkrete Bedeutung für Pendlerinnen und Pendler sowie für Gemeinden im Aargau. Eine nicht gelöste Kapazitätsfrage kann zu weniger Direktverbindungen, längeren Umsteigezeiten und eingeschränkter Angebotsstabilität führen. Insbesondere S‑Bahn‑Verbindungen aus dem Mittelland nach Zürich könnten betroffen sein, wenn die zur Verfügung stehenden Trassen weiterhin von verschiedenen Verkehrsarten geteilt werden müssen.
| Problem | Folge laut Regierungsrat |
|---|---|
| Engpass Olten–Aarau–Zürich | Stabilitätsrisiko für gesamtes Schienennetz |
| Gestrichene Massnahmen in «Verkehr '45» | Kapazitätsmangel trotz Nachfragewachstum |
| Stärkung Fernverkehr | Gefahr von Leistungseinbussen im Regionalverkehr |
Weiteres Vorgehen
Die nun publik gewordene Stellungnahme des Regierungsrats ist Teil der Vernehmlassung zum Bundesvorschlag. Wie der Bund darauf reagieren wird, bleibt abzuwarten; fest steht, dass der Kanton Aargau seine Position klar gemacht hat und auf rasche, konkrete Schritte pocht. Für viele Pendlerinnen und Pendler im Mittelland ist diese Debatte zentral, weil sie die Alltagstauglichkeit des öffentlichen Verkehrs in den kommenden Jahren mitbestimmen wird.
Die Herausforderungen auf der West‑Ost‑Achse betreffen nicht nur technische Lösungen, sondern auch die Frage, wie Kapazitäten verteilt werden und welche Prioritäten zwischen Fern‑ und Regionalverkehr gesetzt werden. Der Regierungsrat fordert, dass diese Abwägungen künftig zugunsten einer tragfähigen Lösung für den Kanton Aargau und das Mittelland erfolgen.