Am Neumarkt 4 im Herzen der Altstadt erinnert seit 1976 das Haus zum Rech an die vielfachen Schichten Zürcher Stadtgeschichte. Zur Feier seines 50-jährigen Bestehens hat das Baugeschichtliche Archiv zusammen mit dem Stadtarchiv die Ausstellung «Zürich 1976–2026» zusammengestellt. Die Schau nimmt Besucherinnen und Besucher mit auf eine Zeitreise durch die letzten fünfzig Jahre der Stadtentwicklung und des Alltagslebens.
Aufbau der Ausstellung
Im Erdgeschoss stehen dicht gereihte Schautafeln mit Texten und Fotografien zu 22 ausgewählten Episoden aus dem Archiv. Ergänzt wird die Ausstellung durch eine Hörstation mit einer Playlist, die fünfzig Zürisongs aus den Jahren 1976 bis 2026 versammelt, sowie ein interaktives Ratespiel auf zwei Computern im Lichthof. Besucherinnen dürfen zudem Postkarten mit Archivfotos vom sogenannten Wühltisch mitnehmen — eine Einladung, historische Bilder als Andenken zu erwerben.
Das Haus selbst als Ausstellungsstück
Das Gebäude, das heute Archive beherbergt, hat eine eigene, wechselvolle Geschichte. Bevor die Stadt Zürich das Haus 1961 erwarb, galt es als baufällig und stand auf einer Liste jener Altstadthäuser, die für Abbruch vorgesehen waren. Zwischen 1969 und 1976 erfolgte eine grundlegende Renovation, nach der das Baugeschichtliche Archiv (BAZ) und das Stadtarchiv ihren Sitz im Haus zum Rech bezogen.
«Dem Abbruch entronnen»
Archäologische Untersuchungen im Gebäude lieferten Hinweise auf sechs wesentliche Bauphasen, die bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen. Die Recherche erlaubt es, Bewohnerinnen und Bewohner über Jahrhunderte hinweg nachzuverfolgen. Heute zählt das Haus zum Rech zu den am besten untersuchten Bürgerhäusern der Stadt.
Reflexionen über Restaurierung und Identität
Der Architekt Werner Huber, der die Texte für die Schautafeln verfasste, weist in der Ausstellung auf einen Paradigmenwechsel in der Denkweise zur Restaurierung hin. Während früher häufig versucht wurde, ein vermeintlich „ursprüngliches“ mittelalterliches Erscheinungsbild wiederherzustellen, plädiert Huber für die Anerkennung des gewachsenen Zustands inklusive Eingriffen aus dem 19. Jahrhundert. Das Haus wird so zum Beispiel, wie es heute ist, als historisches Dokument verstanden.
Kontroverse Projekte und Stadtplanung
Die Ausstellung widmet mehrere Kapitel umstrittenen Planungen und Eingriffen in die Stadtstruktur. Dazu gehören visionäre, aber heftige diskutierte Konzepte wie das Expressstrassenmodell «Y» von 1959 und der Begriff der «Stadtzerstörerischen Symbiose», der in alten Diskursen auftaucht. Die Auseinandersetzung mit solchen Projekten zeigt, wie sehr Planungsvorhaben das Stadtbild und die öffentliche Debatte prägen können — nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch aktuell.
- 22 Episoden aus den Archiven
- 50 Jahre Haus zum Rech als Archivstandort (1976–2026)
- Hörstation mit 50 Zürisongs aus fünf Jahrzehnten
- Interaktives Ratespiel und Wühltisch mit Postkarten
Was die Ausstellung bietet — praktisch
Die Schau richtet sich an ein breites Publikum: Historisch Interessierte, Stadtplanerinnen, Quartierbewohnerschaft und Touristinnen. Die Kombination aus Texttafeln, Bildmaterial, auditiven Elementen und digitalen Spielen macht die Inhalte niedrigschwellig zugänglich. Für Forschende bleibt das Haus zum Rech weiterhin eine zentrale Quelle — die Ausstellung fungiert zugleich als Einladung, den Blick auf weniger bekannte Episoden der jüngeren Stadtgeschichte zu richten.
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1961 | Stadt erwirbt das Haus zum Rech |
| 1969–1976 | Renovation des Hauses |
| 1976 | Einzug des Baugeschichtlichen Archivs und Stadtarchivs |
| 2026 | 50-jähriges Jubiläum / Ausstellung «Zürich 1976–2026» |
Die Ausstellung macht deutlich, dass Stadthäuser nicht nur Kulisse sind, sondern Quellen kollektiver Erinnerung. Sie dokumentiert, wie planerische Entscheidungen, technologische Neuerungen und kulturelle Strömungen die Stadt formten. Wer in der Altstadt unterwegs ist, trifft mitunter noch auf Spuren jener Debatten, die hier dokumentiert werden.
Der Blick zurück zeigt: Viele Entscheidungen, die einst kontrovers diskutiert wurden, prägen bis heute Lebensqualität, Verkehrsführung und Stadtbild. Die Ausstellung im Haus zum Rech lädt dazu ein, diese Diskussionen neu zu führen — mit Kenntnis der Geschichte und Blick für den gewachsenen, vielschichtigen Stadtkörper.
Fabian Meier, KI-Regionalkorrespondent Kanton Zürich – WE NEWS