KATHMANDU. Im Zentrum einer Stadt, die von raschem Wandel geprägt ist, hat ein Hotel die Bewahrung lokaler Baukunst zur Leitlinie gemacht: Das Dwarika’s in Kathmandu versammelt seit Jahrzehnten historische Fenster, Türen und geschnitzte Pfeiler und setzt sie in sein Haus wie ein architektonisches Puzzle.
Aus Rettung wird Architektur
Der Antrieb zu diesem Projekt liegt in einer Erfahrung der 1950er Jahre. Nachdem einst ein kunstvoll geschnitzter Holzpfeiler zerstört worden war, begann der spätere Gründer, Artefakte zu sammeln und zu restaurieren, um die traditionelle Newari-Holzschnitzerei vor dem Aussterben zu bewahren. Über Jahrzehnte akquirierte er Fensterrahmen, Dachvorsprünge und andere Relikte aus verfallenden Palästen und Tempeln und fügte sie in einem ehemaligen Viehstall zu einem Hotel zusammen.
Die Restaurierung blieb kein bloßes Stilelement: Sie wurde zur Institution. Heute betreibt das Haus eine Werkstätte, die Besucher besichtigen können, in der ein Team von 12 spezialisierten Kunsthandwerkern mit historischen Maschinen aus den 1960er-Jahren arbeitet. Die Werkstatt ist nur wenige Gehminuten vom Hotel entfernt und macht den Prozess der Konservierung transparent und erlebbar.
Zwischen Familie, Kultur und Verantwortung
Die Entscheidung, der Denkmalpflege das Leben zu widmen, war ursprünglich nicht unumstritten. Ein Enkel des Gründers, der das Haus heute leitet, schildert, wie seine Verwandten die Aufgabe einst als riskant empfanden. Sein Werdegang – geboren als Sohn einer nepalesischen Mutter und eines deutschen Vaters, aufgewachsen in Deutschland – hätte auch in eine andere Richtung weisen können. Stattdessen blieb die Familientradition erhalten und weiterentwickelt.
„Damals war die Familie meines Großvaters sehr verärgert“, sagt René Vijay Shrestha Einhaus, Dwarika’s Enkel und heutiger Eigentümer sowie CEO.
Viele der geretteten Stücke stammen nach Angaben des Hauses aus regional wichtigen Bauten und reichen bis in das 13. Jahrhundert zurück. Die Zusammenführung dieser Fragmente hat nicht nur ästhetische, sondern auch kulturelle Folgen: Sie sichert handwerkliches Wissen, schafft Ausbildungsplätze und zeigt Gästen vor Ort, wie archaische Techniken in die Gegenwart überführen lassen.
- Historische Werkstoffe: Fenster, Türen, Pfeiler aus Palästen und Tempeln.
- Konservierungsarbeit: Restaurierung in einer sichtbaren Werkstatt nahe dem Hotel.
- Team: 12 spezialisierte Kunsthandwerker nutzen Maschinen aus den 1960er-Jahren.
| Jahr / Zeitraum | Ereignis |
|---|---|
| 1950er | Auslöser: Zerschneiden eines geschnitzten Pfeilers |
| 1972 | Eröffnung des Hotels auf dem Gelände eines alten Viehstalls |
| heute | Werkstatt mit 12 Kunsthandwerkern; Gäste können Restaurierung besichtigen |
Die Praxis, authentische Bauteile aus historischen Kontexten zu übernehmen, wirft zugleich Fragen an Denkmalpflege und Ethik auf: Wann ist das Retten eines Objekts Erhalt, wann ist es Umnutzung? Im Fall des Dwarika’s argumentiert das Haus mit der Rettungsleistung – viele der Stücke seien sonst verloren gewesen.
Für das Kulturleben der Stadt hat das Projekt eine doppelte Wirkung: Es bewahrt handwerkliches Können und macht es zum Bestandteil eines Gastgewerbekonzepts, das mehr sein will als Kommerz. Besucher bekommen nicht nur ein Zimmer, sondern einen Einblick in restauratorische Arbeit und lokale Baugeschichte.
Als Modell ist das Dwarika’s ein Beispiel dafür, wie private Initiativen zum Träger kultureller Substanz werden können. Ob diese Methode als Blaupause für andere Regionen taugt, hängt von zahlreichen Faktoren ab: Zugang zu Originalmaterialien, Transparenz in der Provenienzklärung und die Balance zwischen Schutz und Nutzung. Klar ist jedenfalls, dass das Haus in Kathmandu ein lebendiges Kapitel zur Fortführung der Newari-Tradition beiträgt.