Wien hat mit dem Eurovision Song Contest 2026 eine Bühne für die ganze Stadt angeboten. Aus diesen Erfahrungen leitet WienTourismus-Chef Norbert Kettner konkrete Empfehlungen für das bulgarische Burgas ab, das 2027 Gastgeber des Wettbewerbs sein wird. Kettner war im vergangenen Jahr maßgeblich an der Konzeption von Wiens Host-City-Auftritt beteiligt und bezeichnet die Aufgabe für Burgas als deutlich umfangreicher als eine rein technische Hallenproduktion.
ESC als stadtweites Ereignis
Kettner betont, der ESC sei „längst nicht mehr nur eine Fernsehproduktion, sondern ein stadtweites Kulturereignis“. Für die Host City folge daraus, dass der Erfolg nicht allein an der Show in der Halle gemessen werden dürfe, sondern an den Eindrücken, die Besucherinnen und Besucher in der ganzen Stadt gewinnen. In Wien habe man versucht, diese Perspektive konsequent umzusetzen: Neben Übertragungsflächen und Technik habe man Programmpunkte, Logistik und Angebotsqualität im öffentlichen Raum koordiniert.
„Der Eurovision Song Contest ist längst nicht mehr nur eine Fernsehproduktion, sondern ein stadtweites Kulturereignis und eine der stärksten internationalen Plattformen für die Positionierung einer Destination.“
Frühzeitige, intersektorale Koordination
Eine der zentralen Mahnungen Kettners lautet, möglichst früh alle relevanten Partner an einen Tisch zu bringen. Er nennt dabei konkret:
- Tourismusorganisationen
- Stadtverwaltung
- Veranstalter
- Sicherheitsbehörden
- Verkehrsbetriebe
- Kulturinstitutionen
Nur durch abgestimmte Planung lasse sich eine gemeinsame Vision für Aufenthaltsqualität, Sicherheit und Besucherführung entwickeln. Das betrifft sowohl die Erwartungssteuerung für internationale Gäste als auch die Einbindung der lokalen Bevölkerung.
Logistische Herausforderungen hinter der Kamera
Kettner verweist zudem auf Belastungen, die im Fernsehen kaum sichtbar sind: die logistischen Anforderungen an Transport, Unterbringung und Versorgung von Delegationen, Medien und Fans sowie die Belastung der städtischen Infrastruktur. Dieses „Ansturm hinter den Kulissen“ sei ein Kernpunkt, auf den sich Host Cities vorbereiten müssten.
| Aspekt | Konsequenz für Host City |
|---|---|
| Event im Veranstaltungssaal | Technik, Arena-Logistik, Übertragungskoordinierung |
| Stadtweites Programm | Public-Viewing, Kulturangebote, Hotellerie |
| Infrastruktur und Sicherheit | Verkehrsmanagement, Polizeikoordination, Notfallpläne |
Wien als Lernraum für kleinere Städte
Der Vergleich zwischen einer Metropole wie Wien und einer Küstenstadt wie Burgas macht die Unterschiede deutlich: Wien verfügt über etablierte Strukturen in Tourismus, Kultur und Verkehr; Burgas dagegen muss diese Elemente aufeinander abstimmen und an die lokalen Gegebenheiten anpassen. Kettner rät ausdrücklich, die ESC-Vorbereitung nicht nur als logistische Herausforderung, sondern als Chance zur langfristigen Profilierung der Destination zu sehen.
Für Wien selbst bleibt die Rolle als Erfahrungsgeber bedeutsam: Das Netzwerk aus Behörden, Verkehrsunternehmen und Kulturveranstaltern, das sich in der Vorbereitung gebildet hat, kann künftig als Austauschplattform für andere Host Cities dienen. Solche Kooperationen schaffen zudem Know-how-Transfer in Bereichen wie Besucherlenkung, Sicherheitskonzepte und kommunikative Begleitung.
Praktische Folgen für die lokale Bevölkerung
Auch für Wienerinnen und Wiener bietet diese Perspektive Einsichten: Eine gute Host-City-Planung zielt darauf ab, negative Belastungen zu minimieren — etwa durch abgestimmte Verkehrsregelungen, klare Informationskanäle und Angebote für Anrainerinnen und Anrainer. Gleichzeitig eröffnet ein international sichtbares Ereignis Chancen für die lokale Wirtschaft, Gastronomie und Kulturakteure.
Für Burgas gilt folglich: Je früher Stadtführung, Tourismusboard, Veranstalter und Behörden zusammenarbeiten, desto besser lassen sich Sensoren für Belastungen kalibrieren und Mehrwerte schaffen — nicht nur für die Wochen der Übertragungen, sondern für die touristische Zukunft der Stadt. Wien liefert dafür ein praktisches Vorbild, das über technische Details hinaus die Stadt als Bühne denkt.
Autor: Clemens Novak, Korrespondent Wien