Wachstum über den Erwartungen
Die US-Wirtschaft hat sich im Sommer trotz Inflation, hoher Treibstoffpreise, steigender Zinsen und des Iran-Kriegs überraschend robust entwickelt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte im dritten Quartal gegenüber dem Vorquartal auf das Jahr hochgerechnet um 3,4 Prozent zu. Das geht aus einer ersten Schätzung des US-Handelsministeriums hervor. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonominnen und Ökonomen hatten im Zeitraum von Juli bis September mit einem Plus von 3,2 Prozent gerechnet.
Damit beschleunigte sich das Wachstum deutlich gegenüber dem Frühjahr. Im zweiten Quartal war die US-Wirtschaft annualisiert um 2,2 Prozent gewachsen. Die jüngsten Zahlen zeigen, dass die Konjunktur derzeit auch durch mehrere Belastungen nicht entscheidend gebremst wird. Dazu zählen die anhaltende Teuerung, höhere Kosten für Treibstoff sowie die restriktiveren Finanzierungsbedingungen infolge gestiegener Zinsen.
Konsum bleibt zentrale Stütze
Eine wesentliche Rolle spielte erneut der private Verbrauch. Die Ausgaben der US-Haushalte stiegen im dritten Quartal annualisiert um 3,8 Prozent. Damit erwies sich der Konsum trotz der Belastungen für die privaten Budgets als wichtige Grundlage der wirtschaftlichen Entwicklung. Bastian Hepperle von der Bank Bethmann HAL bezeichnete die US-Wirtschaft als robust, warnte aber zugleich vor einer allzu optimistischen Bewertung der Zahlen.
„Das ist eine fantastische Entwicklung, aber keine fantastische Welt.“
Nach Einschätzung des Experten ist die aktuelle Dynamik nicht automatisch von Dauer. Haushalte könnten ihr Konsumtempo nicht unbegrenzt aufrechterhalten, wenn sie dafür auf ihre Ersparnisse zurückgreifen müssten. Auch die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen sprechen laut Hepperle für eine Abschwächung. Nach den Zwischenwahlen zum US-Kongress Anfang November seien keine neuen kostspieligen Ausgabenprogramme der Regierung zu erwarten. Zusätzlich könnten strengere Bedingungen für die Finanzierung die Nachfrage dämpfen.
KI als Wachstumstreiber
Neben dem Konsum stützten vor allem Investitionen in künstliche Intelligenz die Konjunktur. Der KI-Boom kurbelt die Ausgaben von Unternehmen seit Monaten an und wirkt damit als zusätzlicher Wachstumstreiber. Stephan Bales, USA-Experte der Förderbank KfW, verwies ebenfalls auf die Stabilität des privaten Verbrauchs. Zugleich sieht er jedoch Risiken in der Art, wie ein Teil der Investitionen finanziert wird.
Demnach werden KI-Projekte zunehmend über Schulden finanziert. Das kann die Wirtschaft anfälliger für plötzliche Liquiditätsengpässe machen. Bleiben erwartete Gewinne aus und sind die Zinsen gleichzeitig hoch, können Unternehmen rascher in Zahlungsschwierigkeiten geraten. Eigenkapital wirkt in einer solchen Situation als finanzieller Puffer. Ist dieser Puffer gering, schlagen enttäuschende Geschäftsergebnisse stärker auf die Zahlungsfähigkeit durch.
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| BIP-Wachstum im dritten Quartal | 3,4 Prozent, annualisiert |
| Prognose der Reuters-Ökonomen | 3,2 Prozent |
| BIP-Wachstum im Frühjahr | 2,2 Prozent |
| Privater Konsum im dritten Quartal | 3,8 Prozent, annualisiert |
Positive Zahlen mit begrenzter Aussagekraft
Die aktuellen Daten zeichnen daher ein zweigeteiltes Bild. Kurzfristig wird die US-Konjunktur von einer hohen Nachfrage der Konsumentinnen und Konsumenten sowie von umfangreichen KI-Investitionen getragen. Gleichzeitig könnten beide Säulen an Stabilität verlieren: Die privaten Haushalte können ihre Ausgaben nicht dauerhaft aus Ersparnissen finanzieren, und der Investitionsboom ist teilweise von Fremdkapital abhängig.
- Der Konsum legte im dritten Quartal stärker zu als die Gesamtwirtschaft.
- KI-Investitionen verleihen der Konjunktur zusätzlichen Schub, erhöhen aber bei hoher Verschuldung die Anfälligkeit.
- Höhere Zinsen und straffere Finanzierung sprechen laut den zitierten Experten für eine künftige Verlangsamung.
Für die weitere Entwicklung wird damit entscheidend sein, wie lange die Konsumnachfrage und die Investitionsbereitschaft anhalten. Die erste BIP-Schätzung bestätigt zwar die Widerstandsfähigkeit der US-Wirtschaft im dritten Quartal. Sie beseitigt aber nicht die strukturellen Risiken, auf die die Analysten hinweisen. Nach ihrer Einschätzung ist daher trotz des starken Ergebnisses mit einer nachlassenden Konjunkturdynamik zu rechnen.