In Assisi geht heuer ein internationales Treffen der Gemeinschaft Sant’Egidio zu Ende. Anlass genug, die Beziehung zwischen dem Heiligen Franz von Assisi und dem Thema Frieden noch einmal zu skizzieren: Sein Name steht seit Jahrhunderten nicht nur für Armut und Demut, sondern auch für interreligiösen Austausch und Versöhnung.
Historische Begegnungen und ihre Wirkung
Ein oft genanntes Schlüsselereignis hat sich 1219 während des Fünften Kreuzzugs in Damiette (Ägypten) zugetragen: Franziskus suchte – nach Überlieferung – das Gespräch mit Sultan al‑Malik al‑Kamil. Diese Zusammenkunft gilt in der Forschung und im öffentlichen Bewusstsein als eine der frühesten und bedeutendsten interreligiösen Begegnungen überhaupt. Aus dieser Tradition hat sich die Wahrnehmung Assisis als „Stadt des Friedens“ entwickelt und zieht bis heute religiöse wie zivilgesellschaftliche Initiativen an.
Papst Johannes Paul II. und das Gebet aller Religionen
Ein weiterer Meilenstein fand am 27. Oktober 1986 statt: Papst Johannes Paul II. lud Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Glaubensgemeinschaften nach Assisi zu einem gemeinsamen Gebet ein. Das Ereignis ist bis heute Referenzpunkt für interkonfessionelle Begegnungen; in Assisi wird die Tradition fortgeführt und gepflegt.
Das «Franziskusgebet»: Herkunft und Verbreitung
In vielen Souvenirläden der Stadt ist ein kurzes Friedensgebet in mehreren Sprachen erhältlich, das landläufig als „Gebet des Franz von Assisi“ bezeichnet wird, obwohl dessen Autorenschaft historisch umstritten ist. Aus dem Beitrag des franziskanischen Bruders Andreas Brunner OFM geht hervor, dass das Gebet vermutlich nicht aus dem 13. Jahrhundert stammt, sondern eher im 19. Jahrhundert in franziskanischem Umfeld entstand. Bekanntheit erlangte der Text zuletzt, als ein Generalsekretär der UNO ihn in der Generalversammlung vortrug und ausdrücklich als „Gebet von Franz von Assisi“ bezeichnete.
„Es gilt als Franziskusgebet, weil ein damaliger Generalsekretär der UNO es vorgelesen hat in der Generalversammlung und sagte, dass es das Gebet von Franz von Assisi sei“
Bruder Andreas betont, dass der Text zwar wahrscheinlich nicht direkt von Franziskus verfasst wurde, jedoch den franziskanischen Geist widerspiegle und weiterhin als praktischer Text für Friedensbitten geschätzt werde: ein «wunderschönes Gebet», das in Zeiten zunehmender Konflikte Bedeutung habe.
- 1219: Begegnung Franziskus – Sultan al‑Malik al‑Kamil in Damiette (Ägypten).
- 1986, 27. Oktober: Papst Johannes Paul II. lädt Vertreter verschiedener Religionen zu einem Gebet in Assisi ein.
- 19. Jahrhundert: Wahrscheinliche Entstehungszeit des heute populären „Franziskusgebets“.
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1219 | Interreligiöses Gespräch in Damiette |
| 1986 | Historisches Gebetstreffen in Assisi |
| 19. Jh. | Wahrscheinliche Entstehung des Friedensgebets |
Die Kombination aus historischer Überlieferung, kirchlicher Ritualpraxis und populärer Verbreitung macht Assisi zu einem lebendigen Symbol für Friedensbemühungen. Während Fachleute bei der Autorschaft des Gebets zurückhaltend bleiben, ist seine Verwendung als Ausdruck des Friedenswillens unbestritten. Für Besucherinnen und Besucher der Stadt erweist sich Assisi damit nicht nur als Pilgerort, sondern auch als Ort, an dem Geschichte, Symbolik und aktuelles Engagement für den Frieden zusammenlaufen.
Die Gemeinschaft Sant’Egidio, die derzeit ihr Treffen in Assisi beendet, steht in dieser Tradition: Sie nutzt den symbolischen Raum der Stadt, um aktuelle Friedensfragen anzusprechen und den interreligiösen Dialog zu fördern. Dass ein kurzes, im Ton schlicht gehaltenes Gebet weltweit als Identifikationspunkt dienen kann, zeigt, wie Worte—egal ob historisch exakt zuordenbar oder nicht—als Katalysator für gemeinsame Werte fungieren.
Ein Augenzwinkern am Rande: Ob es Franziskus tatsächlich selbst war, der „Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens“ dichtete, bleibt unwahrscheinlich. Dass viele Menschen das Gebet aber dennoch als Wegweiser nutzen, gehört zum erstaunlichen Erbe des heiligen Franz.