Lehrpersonen im Kanton St.Gallen stehen der Idee der integrativen Schule mehrheitlich kritisch gegenüber. Das geht aus einer Auswertung der Kantonalen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes St.Gallen (KLV SG) hervor, basierend auf einer von gfs.bern im Auftrag des Lehrerinnen- und Lehrerverbands Schweiz (LCH) durchgeführten Befragung unter mehr als 10.000 deutschschweizer Lehrpersonen — davon über 1.000 im Kanton St.Gallen.
Klare Lage: Haltung zur Integration
Auf die Frage nach ihrer persönlichen Haltung zur integrativen Schule antworteten die St.Galler Lehrpersonen wie folgt: 9 % bezeichneten sie als „sehr positiv“, 28 % als „positiv“, 41 % als „eher kritisch“ und 21 % als „sehr kritisch“. Damit zeigt sich in St.Gallen eine deutlich kritischere Grundhaltung als in vielen anderen Kantonen.
„Sehr positiv“, „positiv“, „eher kritisch“, „sehr kritisch“
Ressourcen und Belastung im Schulalltag
Der KLV SG nennt mehrere Gründe für die kritische Einschätzung. Für 46 % der befragten Lehrpersonen ist die integrative Schule im Alltag eine starke Belastung. Ein zentrales Thema sind fehlende oder unzureichende Unterstützungsangebote: 39 % bewerten die Hilfe durch schulische Heilpädagoginnen und Heilpädagogen, Teamteaching-Lehrpersonen, therapeutisches Fachpersonal, Lehrpersonen für Deutsch als Zweitsprache oder Schulassistenzen als „eher nicht“ ausreichend; weitere 12 % beurteilen diese Unterstützung als „überhaupt nicht“ ausreichend.
- 46 % sehen starke Belastung im Schulalltag
- 51 % (39 % + 12 %) halten spezialisierte Unterstützung für nicht ausreichend
- ca. zwei Drittel bemängeln zeitliche, personelle und finanzielle Ressourcen
Diagnosen und zeitnahe Abklärung als Bremsklotz
Ein weiteres zentrales Problemfeld sind die Abklärungen: Rund zwei Drittel der Befragten geben an, Diagnosen erfolgen zu wenig zeitnah, und die Umsetzung notwendiger Unterstützungsmassnahmen dauere zu lange. Das hat direkte Folgen für den Unterrichtsalltag, wie der KLV SG hervorhebt: Ohne zeitnahe Abklärungen bleiben Lehrkräfte oft allein mit der Aufgabe, Kindern mit Unterstützungsbedarf gerecht zu werden.
Dazu kommt eine Gruppe von Kindern, für die noch keine formelle Diagnose vorliegt: 57 % der Befragten geben an, dass sie eines oder mehrere solcher Kinder in der Klasse haben. Für diese Kinder sei es besonders schwierig, passende Ressourcen zu erhalten, schreibt der Verband.
| Fragestellung | Ergebnis (St.Gallen) |
|---|---|
| Haltung zur integrativen Schule | 9 % sehr positiv, 28 % positiv, 41 % eher kritisch, 21 % sehr kritisch |
| Integrative Schule als starke Belastung | 46 % |
| Unterstützung durch spezialisiertes Personal unzureichend | 39 % eher nicht ausreichend, 12 % überhaupt nicht |
| Schüler ohne Diagnose, aber mit Unterstützungsbedarf | 57 % |
Folgen für Unterricht und Bildungspolitik
Die Resultate haben mehrere Implikationen: Lehrpersonen brauchen offenbar mehr und raschere fachliche Unterstützung, aber auch strukturelle Entlastungen durch mehr Personal, Zeit und finanzielle Mittel. Fehlen diese, gefährdet das die Qualität des Unterrichts sowohl für Kinder mit Unterstützungsbedarf als auch für die gesamte Klasse.
Der KLV SG deutet die Auswertung als Aufforderung an die Bildungspolitik und die Schulbehörden, die vorhandenen Ressourcen je nach Bedarf gezielter einzusetzen und Abklärungsprozesse zu beschleunigen. Gleichzeitig zeigt die Studie, dass die Haltung zur Integration nicht allein eine Frage der Einstellung ist, sondern stark von den Rahmenbedingungen abhängt.
Für Lehrkräfte, Eltern und Gemeindeverantwortliche bleibt die Herausforderung, pragmatische Lösungen zu finden: bessere Vernetzung mit therapeutischen Diensten, schnellere Verfahren für Abklärungen und gezielte Aufstockung von Fachstellen könnten kurzfristig Entlastung bringen. Langfristig wird jedoch eine politische Diskussion über Finanzierung, Ausbildung und schulische Organisation nötig sein, um die integrative Schule nachhaltig praktikabel zu machen.
Die vollständige Umfrage wurde von gfs.bern im Auftrag des LCH durchgeführt; die kantonale Auswertung stammt vom KLV SG.