Die Europäische Zentralbank (EZB) hat nach Informationen von Reuters in einem vertraulichen Papier eine vorläufige Einschätzung abgegeben, die einer Übernahme der Commerzbank durch die italienische Unicredit nicht grundsätzlich im Wege stehe. Damit zeichnet sich ab, dass die EZB im laufenden Prüfverfahren zunächst kein rechtlich zwingendes Hindernis für die Kontrollübernahme sieht.
Vorläufige Bewertung, aber klare Vorbehalte
Das als "vertraulich" gekennzeichnete Dokument, das im Juni dem Aufsichtsgremium der EZB vorlag, kommt nach Reuters-Angaben zu dem Schluss, dass es „keinen Grund zur Ablehnung“ der Kontroll-Übernahme gebe. Zugleich warnt die Notenbank jedoch vor einem „herausfordernden und langwierigen“ Integrationsprozess, sollte die Transaktion grünes Licht erhalten.
„keinen Grund zur Ablehnung“
In dem Gremium sitzen Vertreterinnen und Vertreter der europäischen Aufsicht und der nationalen Behörden; Vorsitzende dort ist die Deutsche Claudia Buch. Die EZB hat demnach bei ihrer vorläufigen Einschätzung aufgeführt, dass Unicredit kurzfristig noch Unterlagen nachreichen musste. Mittlerweile seien laut einem Insider weitere Daten übermittelt worden.
Aufgaben und Forderungen der Bafin
Die deutsche Finanzaufsicht Bafin übt dem Bericht zufolge deutliche Kritik an Unicredit. Kernaussage der Bafin: Unicredit müsse nachlegen, um das Vertrauen von Management, Belegschaft und Politik zurückzugewinnen. In der internen Diskussion wurde demnach insbesondere das Verhalten der Italiener als „aggressiv und teilweise intransparent“ beschrieben. Die Bafin fordert eine klarere Strategie zur Integration und zur Sicherstellung von Stabilität und Kontinuität bei der Commerzbank.
Zeitplan und nächste Schritte
Die endgültige, aufsichtsrechtliche Prüfung der Transaktion ist laut Quellen für September oder Oktober angesetzt und soll voraussichtlich bis Ende des Jahres abgeschlossen werden. Die Genehmigung der EZB gilt als eine der zentralen Hürden für den Vollzug der Übernahme; erst nach positiver Entscheidung der Notenbank könnte Unicredit die Kontrolle über die Commerzbank tatsächlich übernehmen.
Politischer Kontext und wirtschaftspolitische Bedeutung
Die Transaktion hat bereits innenpolitisch für Spannungen gesorgt: Unicredit hatte sich durch ein Aktientauschangebot jüngst rund 48 Prozent der Anteile an der Commerzbank gesichert – trotz des Widerstands von Vorstand und Bundesregierung. EZB-Vizepräsident Luis de Guindos betonte in einem Interview mit der Financial Times, die Bundesregierung solle sich einer Blockadehaltung enthalten; seiner Ansicht nach brauche Europa starke, grenzüberschreitend tätige Banken, um den Binnenmarkt zu stärken. Dies war ein ungewöhnlich deutlicher Verweis der Notenbank auf die politische Dimension von Bankenfusionen bereits vor dem Abschluss der formellen Prüfung.
- 48 % der Commerzbank-Anteile wurden laut Quelle durch ein Aktientauschangebot von Unicredit übernommen.
- Die EZB sieht vorläufig keine zwingenden Gründe für eine Ablehnung, warnt aber vor einem schwierigen Integrationsprozess.
- Die Bafin verlangt eine Strategie von Unicredit zur Rückgewinnung von Vertrauen bei Führung, Mitarbeitern und Politik.
| Meilenstein | Stand / Zeitrahmen |
|---|---|
| Vorläufige Bewertung EZB | Juni (internes, vertrauliches Papier) |
| Nachreichung von Unterlagen | Laut Insider erfolgt |
| Abschließende Prüfung | September/Oktober – Abschluss Ende des Jahres geplant |
Die Entscheidung der EZB wird nicht nur für die beteiligten Banken, sondern auch für die deutsche Finanzpolitik, die Beschäftigten der Commerzbank sowie Anlegerinnen und Anleger weitreichende Folgen haben. Eine Genehmigung könnte als Signal für weitere grenzüberschreitende Konsolidierung im europäischen Bankensektor gelten; eine Ablehnung würde dagegen den Status quo stärken und Fragen nach Alternativen für die Commerzbank aufwerfen.
Sprecher der EZB, von Unicredit und der Bafin wollten sich zu den internen Dokumenten und Berichten nicht äußern.