Frauen erhalten im Schnitt rund ein Drittel weniger Rente aus AHV und Pensionskassen als Männer – ein Defizit, das nicht nur individuelle Absicherung, sondern auch die wirtschaftliche Teilhabe betrifft. Die Beratungseinrichtung infra reagiert: Ab September bietet sie eine unabhängige Vorsorgeberatung mit Online-Modulen und persönlicher Analyse durch externe Expertinnen an. Ziel ist, Vorsorgelücken sichtbar zu machen und konkrete Optionen aufzuzeigen.
Ursachen und Konsequenzen
Als Hauptgründe für die niedrigeren Renten von Frauen werden Teilzeitarbeit, unbezahlte Care-Arbeit, geringere Löhne in frauendominierten Berufen und seltener abgeschlossene private Vorsorge angeführt. Karin Zürcher, Expertin in der Vorsorgeberatung, erklärt den Mechanismus: Das Rentensystem sei stark lohnabhängig und baue auf durchgängige Vollzeit-Erwerbsbiografien. Das führe „direkt zu geringeren Sozialversicherungsbeiträgen und deutlich kleineren Renten“.
„Da unser Rentensystem sehr lohnabhängig ist und auf durchgängige Vollzeit-Erwerbsbiografien aufbaut, führt das direkt zu geringeren Sozialversicherungsbeiträgen und deutlich kleineren Renten.“
Die Folgen sind vielschichtig: Frauen tragen ein erhöhtes Risiko, im Alter in Armut zu geraten oder auf Unterstützung angewiesen zu sein. Gleichzeitig hat eine schwächere Altersabsicherung auch ökonomische Effekte: geringere Nachfrage im Alter, höhere Belastungen für Sozialsysteme und weniger finanzielle Unabhängigkeit in Paarbeziehungen.
Praktische Ansätze der neuen Beratung
Das Angebot der infra kombiniert digitale Lernmodule mit einer persönlichen Analyse, durchgeführt von externen Spezialistinnen. Es richtet sich an Personen, die ihre Vorsorgesituation verstehen und Lücken schliessen wollen. Die Beratung benennt mögliche Instrumente wie höhere Pensen, Einzahlungen in die 3. Säule oder vertragliche Regelungen wie den Konkubinatsvertrag.
- Frühzeitige Analyse der Vorsorgesituation
- Konkrete Massnahmen: Pensen erhöhen, private Vorsorge, rechtliche Vereinbarungen
- Systemische Empfehlungen: Ausbau von Finanzbildung, Betreuung, Teilzeit- und Jobsharing-Modellen
Petra Eichele von der infra beobachtet eine veränderte Nachfrage: «Die Anfragen haben sich gehäuft, das Thema Altersvorsorge ist endlich in der gesellschaftlichen Mitte angekommen.» Ihr wichtigster Praxistipp an junge Frauen lautet, nicht aus dem Beruf auszusteigen – ein Ratschlag, der die Kausalität zwischen Erwerbsbiografie und Rentenhöhe in den Fokus rückt.
Was fehlt: Politik und Unternehmen sind gefordert
Expertinnen fordern ein Zusammenspiel von individueller Vorsorge und strukturellen Reformen. Finanzbildung müsse bereits früh ansetzen; Unternehmen seien gefordert, wirklich flexible Arbeitsmodelle, Betreuungslösungen und Jobsharing zu ermöglichen. Nur so lasse sich die Kluft zwischen Erwerbsrealität und Rentensystem nachhaltig verringern.
| Aspekt | Feststellung |
|---|---|
| Durchschnittliche Rentendifferenz | rund ein Drittel weniger Rente für Frauen (AHV und Pensionskasse) |
| Neu: infra-Angebot | Ab September Online-Module + persönliche Analyse durch externe Expertinnen |
Die Debatte tangiert nicht nur Individuen, sondern das gesamte Sozialversicherungssystem. Bleiben strukturelle Barrieren bestehen, drohen langfristig höhere Staatsausgaben und eine persistente Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Andererseits zeigt das gestiegene Interesse an Beratung: viele Menschen wollen beraten werden, bevor eine Krise eintritt – ein Schritt von der Zuschreibung «Privatproblem» hin zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe.
Die infra setzt auf Aufklärung und praktische Instrumente. Ob das ausreicht, hängt von weiteren Akteuren ab: Politik, Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber sowie Bildungseinrichtungen. Ohne koordinierte Maßnahmen bleiben individuelle Ratschläge zwar nützlich, adressieren aber nicht die strukturellen Ursachen niedriger Renten von Frauen.
Für Betroffene lautet die unmittelbare Empfehlung: früh anfangen, regelmässig die Vorsorgesituation prüfen und offen über Geld sowie die Aufteilung von Care-Arbeit sprechen. Nur so lasse sich die finanzielle Eigenständigkeit im Alter erhöhen – und gleichzeitig die Gesellschaft resilienter gestalten.