In Brasilien ist die Zahl der Morde an indigenen Frauen und Mädchen in den Jahren 2003 bis 2022 massiv gestiegen. Eine Untersuchung der Gesundheitsfakultät der Universidade Federal do Paraná (UFPR) dokumentiert einen Anstieg von 500 Prozent auf Basis von 394 ausgewerteten Datensätzen aus dem Mortalitätsinformationssystem (SIM). Die Autorinnen und Autoren stellen einen engen Zusammenhang zwischen dieser Entwicklung, territorialen Konflikten, Femizid und sozialer Ungleichheit her.
Profil der Opfer und Tatorte
Die Studie analysiert Alter, Tatorte und Tatmittel der Opfer. Besonders betroffen sind jüngere Frauen: 40,4 Prozent der registrierten Fälle betrafen Frauen im Alter zwischen 15 und 29 Jahren; weitere 19,3 Prozent waren 30 bis 39 Jahre alt. Jugendliche im Alter von 10 bis 14 Jahren machten 7,1 Prozent aus.
| Altersgruppe | Anteil |
|---|---|
| 10–14 Jahre | 7,1 % |
| 15–29 Jahre | 40,4 % |
| 30–39 Jahre | 19,3 % |
| 40–49 Jahre | 12,4 % |
Die Tatorte verteilen sich wie folgt: 36 Prozent der Taten fanden an nicht näher spezifizierten Orten statt, 28 Prozent in Wohnungen, 18,8 Prozent in Spitälern und 14,7 Prozent auf öffentlichen Strassen. Regionale Hotspots zeigt die Auswertung besonders im Zentrum-Westlichen Brasilien, vorrangig im Bundesstaat Mato Grosso do Sul.
Waffen, Bildung und strukturelle Ursachen
Zur Tatmodalität führt die Studie aus, dass 34 Prozent der Morde mit scharfen Gegenständen begangen wurden, 22,1 Prozent mit Schusswaffen. Die Forschenden betonen, dass der leichte Zugang zu Waffen die Sicherheit von Frauen negativ beeinflusst. Ein signifikanter Anteil der Opfer hatte ein tiefes Bildungsniveau oder keinerlei formale Schulbildung, was laut den Autorinnen und Autoren die wirtschaftliche Verwundbarkeit und den eingeschränkten Zugang zu Unterstützungsnetzwerken erhöht.
«Es ist Teil eines Panoramas, das strukturellen Rassismus, territoriale Enteignung und staatliche Vernachlässigung umfasst», sagt Professor Clóvis Wanzinack, Mitautor der Studie.
Die Forschenden sehen die Gewalt gegen indigene Frauen nicht als isoliertes Phänomen, sondern als Schnittstelle verschiedener Diskriminierungen: ethnische und geschlechtsspezifische Benachteiligung überlagern sich mit sozioökonomischer Marginalisierung. Das führt zu einer erweiterten Verwundbarkeit indigener Frauen in Kontexten, in denen Landrechte, Ressourcenkontrolle und informelle Gewalt eng miteinander verknüpft sind.
Konsequenzen für Politik und Schutzstrategien
Die Studie liefert handfeste Hinweise, welche Bereiche politischer Intervention erforderlich sind: bessere Erfassung und Analyse von Gewaltstatistiken, gezielte Bildungs- und Unterstützungsprogramme für betroffene Frauen, Kontrolle des Waffenbesitzes und spezielle Massnahmen zur Konfliktprävention in Territorien mit Landansprüchen. Aktivistinnen weisen zudem auf die historische Dimension hin, die koloniale Gewaltmuster und modernen Landraub verbindet.
- Die dokumentierte Zunahme legt nahe, dass Schutzmechanismen unzureichend sind.
- Regionale Schwerpunkte deuten auf einen Zusammenhang mit Landkonflikten hin.
- Bildung, Zugang zu Netzwerken und Waffenkontrolle sind zentrale Ansatzpunkte.
Die Autorinnen und Autoren mahnen, die Gewalt im Zusammenhang mit Landkonflikten, Rassismus und sozialer Vernachlässigung als strukturelles Problem zu behandeln. Ohne koordinierte politische Antworten droht die Zahl der Opfer weiter zu steigen, warnen sie. Die Ergebnisse der UFPR-Studie verdeutlichen, dass Menschenrechtsschutz, Landpolitik und Massnahmen gegen geschlechtsspezifische Gewalt zusammen gedacht werden müssen, wenn nachhaltige Besserung erzielt werden soll.
Diese Analyse liefert eine datenbasierte Grundlage für Debatten in Brasilien und international über die Schnittstellen von Umwelt, Territorium und Schutz von vulnerablen Bevölkerungsgruppen. Die Studie fordert klare, umfassende Gegenmassnahmen — sowohl auf lokaler Ebene als auch durch nationale und internationale Institutionen.