Das Hoch Kultur Festival fand diese Woche seine Fortsetzung auf der Unterstalleralm in Innervillgraten. Die Festivalszene, 2023 von der osttirolerischen Musicbanda Franui initiiert, zeigte erneut, wie dicht sich in den Alpen Kunst, Landschaft und Publikumserlebnisse verweben lassen. Die Open‑Air‑Bühne liegt auf 1'673 Metern Seehöhe und bot diesmal ein Potpourri aus Musik, Text und kulinarischer Pause.
Zwischen Bühne und Alm: Ein einzigartiges Bühnenbild
Auf der steil ansteigenden Almwiese sammelte sich ein buntes Publikum, das mit Velo oder E‑Bike anreiste, sich auf Decken ausbreitete und der Musik lauschte. Als akustische Rahmung dienten nicht nur Instrumente und Stimmen, sondern auch die natürliche Umgebung: Bachrauschen, Kuhglocken und gelegentlich der Lärm eines Baggers oder eines Motorrads mischten sich in die Konzertklänge. Die Schweizer Akkordeonistin Viviane Chassot bezeichnete das Arrangement als ein Bühnenbild, «das es kein zweites Mal auf der Welt gibt».
Literatur, Publikum und Festivalküche
Die Eröffnung hatte einen literarischen Ton: Der Burgschauspieler Nicholas Ofczarek las vor rund 1'300 Zuschauern einen bitterbösen Dialog von Thomas Bernhard über eine Wiener Künstlergesellschaft. Das Stück setzte einen scharfen Kontrapunkt zur idyllischen Alpennatur und zeigte, wie Festivalprogramme Spannweiten zwischen lakonischer Gesellschaftskritik und ländlicher Idylle abdecken.
«Ich bin gegen die Auersbergerischen, ich bin gegen alle diese Leute, die an diesem Abendessen teilnehmen, ich hasse sie, ich hasse sie immer weiter und bin doch immer weiter in die Gentzgasse hineingegangen.»
In den Pausen verschmolzen kulinarische und soziale Erfahrung: Kaspressknödel, Hirselaibchen und ein regionales «Geigenseer Hochkultur‑Bier» fungierten als Gesprächsanlass. Besucherinnen und Besucher tauschten sich spontan aus; ein Astrophysiker aus Wien sass neben Ehepaaren aus Nordtirol, die von ihrer Festivalmüdigkeit und zugleich ihrer Festivalfreude berichteten. Solche Begegnungen gehören zur Eigenart des Festivals und erklären dessen Sogwirkung über lokale Grenzen hinaus.
- Ort: Unterstalleralm, Innervillgraten
- Höhe: 1'673 Meter
- Publikum: rund 1'300 Besucherinnen und Besucher bei der Eröffnung
- Gründung: Erstmals 2023 von der Musicbanda Franui durchgeführt
Klimawandel und Wahrnehmung
Auch der Klimawandel macht sich hier bemerkbar: Die Besucherinnen und Besucher sehen nicht nur Berge, Wälder und Almen, sondern mitunter Flächen, die von Borkenkäferbefall oder Windbruch betroffen sind. Obwohl das Festival vor allem als kulturelles Ereignis wahrgenommen wird, liegt die Landschaft als stiller, manchmal besorgter Co‑Protagonist über allem.
Das Festival zeigt, wie Kultur in den Alpen nicht bloss als urban exportierte Veranstaltung stattfindet, sondern in enger Verzahnung mit regionalen Identitäten, Alltagsgeräuschen und Umweltfragen. Es schafft Begegnungsräume, in denen literarische Schärfe und musikalische Sinnlichkeit aufeinander treffen, und verbindet unterschiedliche Publikumsgruppen: Einheimische, Bergbegeisterte und kulturell Neugierige aus weiter her gereisten Städten.
Für die Schweiz bleibt das Festival ein erinnerungswürdiges Beispiel dafür, wie alpines Kulturleben funktionieren kann: mit regionaler Küche, intimer Atmosphäre und einer Bühne, die nicht von Kulissen, sondern von der Topographie selbst bestimmt wird. Solche Veranstaltungen verlagern die Debatte über Kulturorte: nicht nur in städtische Konzerthallen, sondern auch auf Almen, wo das Publikum neben der Musik auch die Landschaft konsumiert — und sich dabei der Zerbrechlichkeit ihres Umfelds bewusst wird.
Ob das Hoch Kultur Festival in den nächsten Jahren wächst oder seine besondere, fast familiäre Stimmung bewahrt, hängt auch davon ab, wie Veranstalter, Künstlerinnen und Publikum auf ökologische Veränderungen und steigenden Touristendruck reagieren. Bis dahin bleibt die Unterstalleralm ein Ort, an dem sich die Alpenkultur in einer besonders sinnlichen und gleichzeitig nachdenklichen Form zeigt.