In seinem Erzählband „Fiasko“ seziert der US-Autor Tony Tulathimutte das Innenleben einer vernetzten, aber entfremdeten Gesellschaft. Die sieben Geschichten des 1983 geborenen Schriftstellers sind nicht nur Charakterstudien; sie funktionieren zusammen wie ein Sittenbild der digitalen Gegenwart, in dem Zurückweisung, Selbstinszenierung und Ressentiment zentrale Motive sind.
Ton des Netzes, Seelenlandschaften
Tulathimuttes Figuren sind durchweg einsam, selbstbezogen und überzeugt davon, dass ihnen die Welt etwas schuldet. Die Zurückweisung beginnt selten mit einem klaren Nein, sie sickert in die Figuren hinein: Aus kleinen Kränkungen entstehen Obsessionen, aus diesen wiederum ideologische Rechtfertigungen. Wiederkehrende Motive wie die Incel- und Nice‑Guy-Szene bündeln sich über die einzelnen Erzählungen hinweg zu einem düsteren Bild der Gegenwart.
Die sprachliche Qualität des Bandes liegt in der präzisen Nachbildung des Registers, das das Internet prägt: Dating-Apps, Gruppenchats, Reddit-Threads und ideologische Debatten werden im Tonfall des Netzes wiedergegeben. Das erzeugt Nähe zur Gegenwart, zugleich aber auch Distanz: Die Figuren sprechen in einer Sprache, die Leserinnen und Leser sofort wiedererkennen — und in der sich zugleich die Entmenschlichung abzeichnet.
"nur gute vibes in diesem space hier pls, ich spiel ja hier nicht gern die mimose aber dieser konflikt ist nicht so geil für meine psyche tbh"
Vier exemplarische Erzählungen
Aus dem Band treten mehrere Geschichten besonders deutlich hervor, weil sie verschiedene Aspekte digitaler Konflikte fokussieren:
- „Der Feminist“: Ein junger Mann inszeniert sich als Frauenversteher und macht Frauen für seine sexuelle Erfolglosigkeit verantwortlich.
- „Pics“: Eine unglücklich Verliebte steigert sich in zerstörerische Obsession.
- „Ahegao“: Ein schwuler Mann ringt mit sexuell-sadistischen Fantasien.
- „Unsere Zukunft wird dope“: Ein Erfolgshungriger zieht seine Partnerin in seinen Optimierungswahn hinein.
Diese Auswahl zeigt, wie Tulathimutte die persönliche Ebene mit sozialen Strukturen verknüpft: Es geht nicht nur um individuelle Perversionen, sondern um Muster, die in bestimmten Online‑Umfeldern verstärkt werden.
| Erzählung | Zentrales Thema |
|---|---|
| „Der Feminist“ | Nice‑Guy‑Ressentiment, Geschlechterkonflikt |
| „Pics“ | Obsession, unerwiderte Liebe |
| „Ahegao“ | Sexuelle Fantasien, Identitätsspannungen |
| „Unsere Zukunft wird dope“ | Selbstoptimierung, Partnerschaft |
Konsequenzen und Diskussionsräume
Der Band regt zur Diskussion darüber an, wie digitale Räume psychische Prozesse verändern. Tulathimuttes Figuren zeigen, wie aus individuellen Frustrationen kollektive Feindseligkeiten erwachsen können — etwa wenn Selbstmitleid in ideologische Feindbilder kippt. Solche literarischen Beobachtungen sind relevant für Debatten über Online‑Radikalisierung, aber auch für die Frage, wie Gesellschaften mit Einsamkeit und sozialer Entfremdung umgehen.
Formal ist Tulathimutte teils wagemutig: Die erzählerische Perspektive wechselt, die Sprache imitiert Chatstil und Internetjargon. Diese Formwahl stärkt die Wirkung der Texte, weil sie die Mechanismen, die sie kritisieren, zugleich nachbildet. Das macht „Fiasko“ zu einem präzisen, stellenweise verstörenden Spiegel der digitalen Gegenwart.
Für Leserinnen und Leser, die sich für Gegenwartsprosa und die sozialen Folgen digitaler Kultur interessieren, bietet der Band reichlich Anlass zur Reflexion: Er stellt Individuen in den Mittelpunkt und verankert ihr Verhalten klar in den Kommunikationsmustern des Netzes. Tulathimutte liefert damit kein Rezept, wohl aber eine analytische Lupe für die Abgründe, die das Digitalzeitalter freilegt.