Mit dem Schuljahr 2026/27 wird die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) an der AHS-Oberstufe als zweite lebende Fremdsprache in den Lehrplan aufgenommen. Die Bildungsmaßnahme sieht zudem vor, dass Schülerinnen und Schüler ab 2029 die Möglichkeit haben sollen, die Matura in ÖGS abzulegen. Die Ankündigung markiert einen weiteren Schritt in der Anerkennung der Gebärdensprache in Österreich, trifft jedoch auf konkrete Herausforderungen bei der Umsetzung.
Historische Einordnung und Bedeutung
Der Weg zur offiziellen Anerkennung der ÖGS war lang: Bis 1980 existierte in österreichischen Lehrplänen noch ein Verbot der Gebärdensprache. Im Jahr 2005 wurde die ÖGS als eigenständige Sprache in der Verfassung verankert; drei Jahre später ratifizierte Österreich die UNO-Behindertenrechtskonvention. Für viele Betroffene ist die nun beschlossene Verankerung in der AHS-Oberstufe ein überfälliger Schritt, der die Sprachenrechte von gehörlosen und gehörbeeinträchtigten Menschen stärkt.
„Es gab eine lange Dürrephase“, sagt Lydia Fenkart, Hochschullehrende an der KPH Wien/Niederösterreich und Mitentwicklerin des ÖGS-Lehrplans.
Fenkart, die selbst der Gehörlosencommunity angehört, betont gegenüber ORF Wissen, dass es sich nicht nur um Fragen der Behinderungshilfe, sondern auch um fundamentale Sprachenrechte handle. Die Aufnahme von ÖGS in die AHS-Oberstufe setzt die Gleichstellung der Gebärdensprache mit anderen Fremdsprachen voraus – unabhängig vom Hörstatus der Lernenden und sowohl für Schülerinnen und Schüler mit als auch ohne Vorkenntnisse.
Praktische Herausforderungen: Personal und Materialien
Trotz der positiven Bewertung durch viele Betroffene weist die Einführung klare Umsetzungslücken auf. Zum Start des Faches fehlen nach Angaben aus der Berichterstattung ausreichend Lehrkräfte, die sowohl über fachliche Qualifikation in ÖGS als auch über pädagogische Erfahrung für den Unterricht in AHS-Oberschulen verfügen. Ebenso werden Lehr- und Lernmaterialien benötigt, die über reines Vokabular hinausgehen und kulturelle, linguistische sowie didaktische Aspekte berücksichtigen.
- Lehrpersonal: Bedarf an qualifizierten ÖGS-Lehrkräften, besonders für die Oberstufe.
- Materialien: Entwicklung von Schulbüchern und digitalen Lernressourcen, die auf verschiedene Lernniveaus abgestimmt sind.
- Ausbildung: Ausbau von Aus- und Weiterbildungsangeboten für Lehrkräfte und Dolmetscherinnen/Dolmetscher.
Die Expertin beschreibt die Einführung als Chance, die Gebärdensprache über alle zwölf Schuljahre hinweg zu verankern. Schon im letzten Schuljahr wurde ÖGS an Pflichtschulen eingeführt: Gehörlose Kinder haben dort ab der ersten Klasse die Möglichkeit, ÖGS als verbindliche Übung zu besuchen; hörende Kinder können die Sprache als unverbindliche Übung lernen. Nun soll die AHS-Oberstufe folgen und ÖGS mit anderen Fremdsprachen gleichsetzen.
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1980 | Gebärdensprachverbot in Lehrplänen bestand |
| 2005 | ÖGS in der Verfassung verankert |
| 2008 | Ratifikation der UNO-Behindertenrechtskonvention |
| 2026/27 | ÖGS als zweite lebende Fremdsprache an AHS-Oberstufe |
| ab 2029 | Option, die Matura in ÖGS abzulegen |
Folgen für Schulen, Eltern und Lernende
Für Schulen bedeutet die Neuerung, dass organisatorische und personelle Ressourcen bereitgestellt werden müssen. Eltern und Lernende stehen vor der Entscheidung, ÖGS als Fremdsprache zu wählen – mit der Aussicht, dass diese Wahl künftig volle Anerkennung bis zur Matura findet. Für gehörlose Jugendliche eröffnet die Maßnahme zusätzliche Möglichkeiten zur schulischen Teilhabe und zur Sicherung von Identität und Sprache.
Gleichzeitig bleibt die Frage, wie der Übergang gestaltet wird, damit keine Ungleichheiten entstehen: Werden ausreichend Ausbildungsplätze für Lehrkräfte geschaffen? Wie rasch können Unterrichtsmaterialien und Prüfungsformate entwickelt werden? Und wie wird die Qualitätssicherung bei Prüfungen, etwa der Matura in ÖGS, gewährleistet?
Die Einführung der ÖGS an der AHS-Oberstufe ist ein klarer Schritt in Richtung sprachlicher Inklusion. Entscheidend für den Erfolg wird jedoch die konkrete Umsetzung sein: ausreichendes Personal, geeignete Materialien und eine vorausschauende Planung, damit das Fach nicht nur auf dem Papier, sondern im Schulalltag wirksam wird.