Deutlicher Anstieg innerhalb von fünf Jahren
Erfurt. Die Zahl der Menschen in Thüringen, deren Rentenzahlungen unterhalb der Armutsgefährdungsgrenze liegen, ist nach Angaben des Thüringer Sozialministeriums binnen fünf Jahren stark gestiegen. Laut Antwort auf eine Anfrage der Landtagsfraktion Die Linke erhielten im Jahr 2025 fast 349.000 Thüringerinnen und Thüringer Rentenzahlungen, die unterhalb dieser Grenze lagen; im Jahr 2020 waren es noch etwa 283.000.
Frauen besonders betroffen
Die Daten machen deutliche Geschlechterunterschiede sichtbar: Von den rund 349.000 Betroffenen waren nach den Angaben 226.500 weiblich und etwa 122.500 männlich. Damit sind Frauen in Thüringen überproportional von geringen Renten betroffen. Als Ursache werden in der Debatte häufig unterbrochene Erwerbsbiografien, Teilzeitarbeit und niedrigere Löhne während des Erwerbslebens genannt – Faktoren, die zu niedrigeren Beitragszeiten und damit zu geringeren Renten führen.
Was die Zahlen abbilden — und was nicht
Das Sozialministerium beruft sich in seiner Antwort auf Daten der Deutschen Rentenversicherung. Wichtig ist, dass diese Erhebung nur Zahlungen aus der gesetzlichen Rentenversicherung für Personen über 65 Jahren erfasst. Andere mögliche Einkommensquellen im Alter — etwa Betriebsrenten, private Renten, Erwerbseinkommen nach dem Renteneintritt oder Einnahmen aus Vermietung und Verpachtung — werden in diesen Zahlen nicht berücksichtigt. Damit zeigen die Daten ein wesentliches, aber nicht vollständiges Bild der finanziellen Lage älterer Menschen in Thüringen.
„Als armutsgefährdet gilt eine Person, wenn ihr Einkommen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens beträgt“, heißt es vom Statistischen Bundesamt.
Entwicklung der Armutsgefährdungsgrenze
Die Armutsgefährdungsgrenze ist kein fixer Betrag, sondern richtet sich relativ zum mittleren Einkommen in Deutschland und verändert sich daher jährlich. Nach den vom Sozialministerium zitierten Werten lag die Grenze für Alleinlebende im vergangenen Jahr bei 1.446 Euro netto im Monat; im Jahr 2020 betrug sie demnach 1.126 Euro monatlich. Steigen die Preise und das mittlere Einkommen, verschiebt sich damit auch die Schwelle, unter der Menschen als armutsgefährdet gelten.
Regionale Ursachen und strukturelle Faktoren
Thüringen zählt zu den Bundesländern mit vergleichsweise niedrigen Durchschnittslöhnen. Niedrigere Erwerbslöhne während des Arbeitslebens spiegeln sich später in niedrigeren Rentenansprüchen wider. Branchenstrukturen mit vielen kleinen Betrieben, ein hoher Anteil an Teilzeitarbeit sowie regionale Arbeitsmarktbedingungen tragen zum Risiko niedriger Renten bei. Für viele Betroffene ist die gesetzliche Rente die zentrale, teilweise einzige Einkommensquelle im Alter.
Praktische Folgen für Betroffene
Wer im Alter nur über geringe Renteneinkünfte verfügt, sieht sich oft mit ernsten finanziellen Einschränkungen konfrontiert: reduzierte Möglichkeiten zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, Schwierigkeiten bei Gesundheitsausgaben oder bei der Deckung von Wohnkosten. Sozialpolitische Instrumente wie Grundsicherung im Alter oder Wohngeld können Entlastung bieten, erreichen aber nicht immer alle Betroffenen oder decken nicht alle Bedarfe vollständig ab.
Wegweiser: Was Betroffene wissen sollten
- Die hier zitierten Zahlen betreffen ausschließlich Leistungen aus der gesetzlichen Rentenversicherung ab 65 Jahren.
- Weitere Einkommen wie Betriebsrenten, private Renten oder Mieteinnahmen sind in der Statistik nicht enthalten.
- Bezieherinnen und Bezieher niedriger Renten können prüfen, ob Ansprüche auf Grundsicherung im Alter bestehen.
Tiefergehende Debatte und politische Konsequenzen
Die Daten haben in der Landtagsdebatte bereits Diskussionen ausgelöst: Wie lassen sich Erwerbsbiografien besser absichern, welche Rolle spielen tarifliche Regelungen und Mindestlöhne, und wie können ergänzende Altersvorsorgeangebote so gestaltet werden, dass sie insbesondere Frauen erreichen? Konkrete politische Maßnahmen, etwa zur Stärkung der betrieblichen Altersversorgung oder zur Förderung langfristiger Erwerbsbeteiligung, sind Teil laufender Gespräche auf Landes- und Bundesebene.
| Jahr | Rentenzahlungen unterhalb der Armutsgefährdungsgrenze (Anzahl) | Armutsgefährdungsgrenze (Alleinlebende, netto/Monat) |
|---|---|---|
| 2020 | ~283.000 | 1.126 € |
| 2025 | ~349.000 | 1.446 € |
Die Zahlen verdeutlichen das Ausmaß eines Problems, das viele Thüringer Familien direkt betrifft. Für betroffene Haushalte geht es nicht nur um statistische Werte, sondern um die Frage, wie ein würdevolles Leben im Alter finanziell gesichert werden kann. Die öffentliche Debatte und politische Antworten werden in den kommenden Monaten zeigen, ob aus Erkenntnissen Maßnahmen folgen, die die Rentenperspektiven in Thüringen nachhaltig verbessern.