Der parteilose Landrat des Landkreises Vorpommern-Rügen, Stefan Kerth, hat sich wenige Wochen vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern für eine Öffnung gegenüber der AfD ausgesprochen. Mit seiner Position steht Kerth deutlich im Widerspruch zu den meisten anderen Parteien im Land, die eine Zusammenarbeit mit der Rechtsaußenpartei ablehnen.
Kerth fordert neuen Realismus
In einem Gespräch mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" argumentierte Kerth, eine Offenheit gegenüber Koalitionen mit der AfD könne „zu einem neuen Realismus im linken politischen Lager führen“. Er verwies dabei auf parteipolitische Entwicklungen in Dänemark, wo die Sozialdemokratie Themen besetze, die in Deutschland häufig der AfD überlassen würden. Kerth betonte, die Debatte über eine „Brandmauer“ gegen die AfD verberge das eigentliche Problem.
„Eine Offenheit gegenüber Koalitionen mit der AfD würde nach meiner Überzeugung auch zu einem neuen Realismus im linken politischen Lager führen.“
Wahlklima und Umfragewerte
Die Äußerungen fallen in eine Zeit, in der Umfragen der AfD im Nordosten hohe Werte attestieren: In jüngsten Erhebungen liegt die Partei nach Angaben aus dem Umfeld der Debatte bei 36 Prozent, vor der SPD mit 29 Prozent. Am 20. September wird in Mecklenburg-Vorpommern ein neuer Landtag gewählt; die Positionen zu möglichen Koalitionen sind deshalb besonders sensitiv und folgenreich.
Reaktion auf Verfassungsschutz-Einstufungen
Auf die Frage, ob eine solche Öffnung angesichts der Einstufung der AfD in mehreren Bundesländern als gesichert rechtsextremistisch gefährlich sein könne, antwortete Kerth, in der Partei gebe es sowohl Rechtsextreme als auch „ganz normale Leute“. Er wies darauf hin, dass das Label „rechtsextrem“ im Osten viele Wähler delegitimieren könne und forderte, bei Forderungen nach einem Parteiverbot auch über die Menschen nachzudenken, die die AfD wählten: „Keiner wählt die AfD aus Zufall."
Migrationspolitik als zentraler Streitpunkt
Kerth bezeichnete Migration als das Thema, das den Menschen zeige, dass Politik „nichts verstanden“ habe. In seinem Kommentar übte er scharfe Kritik an der Bundesregierung und nannte explizit die Bundesministerin, die aus seiner Sicht falsche Signale sende. Diese Debatte um Migration beschreibe er als einen Indikator für den Abstand zwischen politischem Berlin und der Wahrnehmung in Teilen der Bevölkerung.
Warum die Aussage lokal relevant ist
Die Wortmeldung eines amtierenden Landrats ist in doppelter Hinsicht bedeutsam: Zum einen hat sie Signalwirkung in seiner Region Vorpommern-Rügen, zum anderen beeinflusst sie die landesweite Diskussion um mögliche Mehrheiten nach der Wahl. In einem Bundesland mit alternder Bevölkerung, ausgeprägter Land-Stadt-Verteilung und klaren sozialen Verwerfungen können solche Aussagen den Ton im Wahlkampf verschieben.
- Zeitaspekt: Die Aussage kam wenige Wochen vor der Landtagswahl am 20. September.
- Umfragekontext: AfD in Umfragen mit 36 Prozent an der Spitze.
- Konsequenzen: Debatte über Koalitionsoptionen und den Umgang mit der AfD.
Konkrete Fragen offen
Wichtig bleibt, welche praktischen Folgen Kerths Position haben könnte. Offizielle Gespräche zwischen etablierten Parteien und der AfD sind bislang in Mecklenburg-Vorpommern nicht die Regel; Parteien wie SPD, Grüne und CDU betonen in der Regel eine Abgrenzung. Ob Kerths Vorstoß in der Praxis zu realen Verhandlungen führen würde, ist unbeantwortet. Ebenso unklar bleibt, wie andere Kommunalpolitiker und die Parteibasis auf seine Aussagen reagieren.
Einordnung und Blick nach vorn
Kerths Plädoyer berührt mehrere breite Debatten: den Umgang mit rechten Parteien in der parlamentarischen Praxis, die Frage eines möglichen Parteiverbots und die politische Ansprache von Menschen, die derzeit die AfD wählen. Angesichts der anstehenden Wahl dürften seine Äußerungen Diskussionen in Parteien, Medien und auch unter Wählern anstoßen. Ob sie Wähler verunsichern, mobilisieren oder Diskussionen inhaltlich verschieben, wird sich erst in den kommenden Wochen zeigen.
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| 20. September | Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern |
| Aktuell | AfD laut Umfragen: 36 %; SPD: 29 % |
Die politische Diskussion in Mecklenburg-Vorpommern bleibt in den kommenden Wochen intensiv. Kerths Stellungnahme führt vor Augen, dass Wahlkampf nicht nur um Programme, sondern auch um die Frage dreht, wer mit wem regieren könnte — und wie die demokratische Auseinandersetzung über kontroverse Positionen geführt wird.
Henning Paulsen, Korrespondent Mecklenburg-Vorpommern