Olivia Wilde legt mit «The Invite» eine Beziehungskomödie vor, die weniger durch sexuelle Eskapaden als durch schroffe Kommunikationsstörungen Spannung erzeugt. An der Europa-Premiere in Locarno wurde rasch klar: Der Film interessiert sich nicht primär für Tabubrüche, sondern für das, was Paare einander verschweigen — und wie gefährlich offenes Reden manchmal sein kann.
Präzise Inszenierung statt Voyeurismus
Die Ausgangslage wirkt simpel: Joe (Seth Rogen) begrüsst widerwillig zwei Gäste, die seine Frau Angela (Olivia Wilde) eingeladen hat. Die Wohnung ist ein durchgestylter Ort, harmonisch arrangiert — und doch löst gerade diese Harmonie Unbehagen aus. Das Nachbarspaar Pina (Penélope Cruz) und Hawk (Edward Norton) scheint auf den ersten Blick das Gegenteil zu verkörpern: offen, entspannt, sexuell versiert. Schnell wird klar, dass das Beziehungsgefüge der beiden Gastgeber komplizierter ist, als die höflichen Grüsse und passenden Kissen vermuten lassen.
Wilde, die zugleich Regie führt und eine der Hauptrollen spielt, entzieht dem Stoff die plakative Sensationslust. Stattdessen lässt sie Gespräche zur Sprengladung werden. Die Kamera beobachtet die Dialoge, das Timing der Pausen und die kleinen Gesten — und macht so aus vermeintlich harmlosen Konversationen ein Minenfeld.
Eine Gesprächskomödie mit Tiefgang
Der Film fragt weniger: Wie weit darf man gehen? Vielmehr interessiert er: Wie ehrlich sind wir wirklich miteinander? Wilde hat für die Arbeit an «The Invite» den Rat von Expertinnen eingeholt — unter anderem von Esther Perel, deren Forschung über Kultur und Intimität den Film mitträgt.
«Sie beschäftigt sich seit über 20 Jahren damit, wie Kulturen über Intimität denken»
Diese Perspektive spiegelt sich in Szenen, die das scheinbar Banale analysieren: Gespräche über Schuhe, Interieur oder Smalltalk verwandeln sich Schritt für Schritt in Prüfungen des gemeinsamen Selbstbilds. Der Film zeigt, wie Paare oft alles Mögliche diskutieren — nur nicht das, was sie wirklich bewegt.
- Starke Besetzung: Seth Rogen, Olivia Wilde, Penélope Cruz, Edward Norton.
- Wissenschaftlicher Input: Anleihen bei Esther Perel, ihren Thesen zu Intimität und Kultur.
- Filmhistorischer Kontext: Remake/Adaption des spanischen Originals «Sentimental» (2020); 2023 erschien mit «Die Nachbarn von oben» eine Schweizer Adaption von Sabine Boss.
Kontext und Konsequenzen
Wilde setzt sich mit dem Stoff nicht isoliert auseinander. Ihr Film steht in einer Kette von Interpretationen: Das spanische Original «Sentimental» (2020) lieferte das narrative Gerüst, in der Schweiz nahm Sabine Boss 2023 mit «Die Nachbarn von oben» einen ähnlichen Stoff auf. Wilde verschiebt die Perspektive, holt aber explizit den Blick der Paartherapie mit ins Kino — ein Schritt, der dem Film jene Ambivalenz verleiht, die ihn von reinen Provokationsstücken unterscheidet.
Für das Publikum bedeutet das zweierlei: Einerseits bietet «The Invite» klares Entertainment dank renommierter Schauspielerinnen und Schauspieler. Andererseits fordert der Film dazu auf, beim Lachen innezuhalten und die eigene Gesprächskultur zu hinterfragen. Die Komik dient als Türöffner, die Fragen bleiben hängen.
| Version | Jahr | Besonderheit |
|---|---|---|
| «Sentimental» | 2020 | Spanisches Original |
| «Die Nachbarn von oben» | 2023 | Schweizer Adaption von Sabine Boss |
| «The Invite» | 2026 | Olivia Wilde; Europa-Premiere in Locarno |
Die Europa-Premiere in Locarno markiert für Wilde einen wichtigen Schritt: Sie bringt den Stoff in eine Festivalsituation, in der Zwischenrufe, Gesprächsbedarf und Filmkritik eng beieinanderliegen. Das Publikum dort ist gewöhnt an Differenzierung — und bekommt sie hier.
Olivia Wildes Film ist somit weniger ein Aufruf zur Offenheit als eine genaue Studie darüber, was passiert, wenn Offenheit zur Falle wird. Er ist eine Einladung, hinzuhören — und sich dabei vielleicht unwohl zu fühlen. Genau dieses Unbehagen ist es, das «The Invite» zu einem filmschaftlich reizvollen Beitrag macht: eine Komödie, die nachhallt.