Ökumenische Jury hebt emotionale Nuancen hervor
Beim Filmfestival Locarno ist der südkoreanische Regisseur Hong Sangsoo mit dem Preis der Ökumenischen Jury bedacht worden. Die Jury würdigt den Film «Nun Dul Dega Eomne» vor allem wegen seiner humanen Annäherung an familiäre Risse und der sensiblen Darstellung von Distanz zwischen Angehörigen.
Im Zentrum des Films steht die Figur Sanghee, die nach zehn Jahren ihre Mutter auf der Insel Jeju besucht. Die Begegnung wirkt zunächst unspektakulär: Man isst, trinkt, spaziert und führt alltägliche Gespräche. Hinter den scheinbar beiläufigen Momenten zeichnen sich aber schrittweise alte Verletzungen und gegenseitige Unverständnisse ab. Die Jury hob hervor, dass der Film mit einem «empathischen Blick auf Entfremdung» arbeite und so das Unsichtbare sichtbar mache.
«ausserordentliche menschliche Tiefe»
Die Auszeichnung reflektiert damit nicht nur formale oder ästhetische Qualitäten, sondern auch die Fähigkeit des Films, zwischenmenschliche Spannungen in kleinen Gesten und Dialogen begreifbar zu machen. Sanghee teilt sich die Handlung mit ihrem Bruder; die Mutter führt inzwischen ein erfolgreiches Restaurant und Gästehaus. Die unterschiedlichen Lebensentwürfe und Auffassungen von Kunst — von YouTube-Shorts bis zu langfristig angelegten Dokumentarprojekten — erzeugen stille Reibungen.
Zwischen Alltäglichem und unterschwelligen Spannungen
Die Familie verbringt nur zwei Tage zusammen, doch gerade die Kürze der Zeit und das Fehlen grosser Ausbrüche machen die inneren Spannungen umso markanter. Die Mutter begegnet dem Sohn mit mehr Respekt als Sanghee; gegenüber der Tochter bleiben Bemerkungen freundlich, doch zunehmend passiv-aggressiv. Auch die Jüngere im Haushalt, eine Stiefschwester, startet mit der Malerei und zeigt eine Bewunderung für Sanghees Filme, die von Sanghee nur teilweise erwidert wird. Solche Differenzen beschreibt der Film in fein gezeichneten Zwischentönen.
Der Preis der Ökumenischen Jury zählt zu den angesehenen Ehrungen am Festival von Locarno. Er beleuchtet oft Werke, die ethische, soziale oder spirituelle Dimensionen des Menschseins ausloten. In diesem Jahr lenkt die Jury mit ihrer Wahl die Aufmerksamkeit auf einen Film, der sich nicht durch grosses Tableau, sondern durch intime Beobachtungskraft auszeichnet.
Jury und Kontext
Die Ökumenische Jury präsentierte sich in Locarno mit einer internationalen Zusammensetzung. Bewertet wurde der Film in einem Umfeld, das auf persönliche Geschichten und zwischenmenschliche Beobachtungen achtet — ein Schwerpunkt, der gut zur langen Tradition des Festivals passt, das oft mutige, internationale Autorenfilme zeigt.
| Ökumenische Jury | Mitglieder (in Locarno) |
|---|---|
| Besetzung | Jean-Luc Gadreau, Sarah Stutte, Juha Rajamäki, Viera Pirker |
Damit reiht sich Hong Sangsoo in eine Liste von Filmemachern ein, deren Werke auf dem Festival in Locarno nicht nur auf technische oder narrativ-formale Leistungen geprüft werden, sondern auch auf ihre Fähigkeit, menschliche Beziehungen und moralische Fragen sensibel darzustellen.
- Preis: Ökumenische Jury – Filmfestival Locarno
- Regisseur: Hong Sangsoo
- Film: «Nun Dul Dega Eomne» – Thema: Familiale Entfremdung, Wiedersehen nach zehn Jahren
Für Locarno bedeutet diese Auszeichnung einmal mehr, dass das Festival seine Rolle als Forum für internationale Autorenfilme behält und weiterhin Produktionen ehrt, die weniger auf Spektakel als auf menschliche Feinheiten setzen. Der Preis sendet zudem ein Signal an Zuschauerinnen und Zuschauer, die im Programmkatalog nach Filmen suchen, die intime, lebensnahe Erzählungen bieten — und macht so die Stadt als Ort des cineastischen Dialogs sichtbar.
Weitere Programmpunkte und Preisträger des Festivals wurden ebenfalls vorgestellt; die Entscheidung der Ökumenischen Jury bleibt jedoch ein prägnantes Zeichen für die thematische Bandbreite des Festivals in diesem Jahr.