Publikumsmagnet Piazza Grande bleibt Herzstück des Festivalerlebnisses
Die 79. Ausgabe des Locarno Film Festival hat am Wochenende einmal mehr die Ambivalenz offengelegt, die das Festival seit Jahren begleitet: Formal steht der Wettbewerb weiterhin im Zentrum, faktisch jedoch dominieren die Vorstellungen vor dem Rathaus und die grossen Publikumsmomente auf der Piazza Grande. Rund 8'000 Zuschauerinnen und Zuschauer erleben dort die stärksten Bilder und die erinnerungswürdigsten Begegnungen unter freiem Himmel.
Das Eröffnungswochenende bot dabei ein Bild, das für Locarno typisch geworden ist: Anspruchsvolles Arthouse-Kino einerseits, massentaugliche Abendvorstellungen andererseits. Während der Wettbewerb für Cineasten ambitioniert und teilweise eigenwillig erscheine, sei der Piazza-Betrieb verlässlich, unterhaltsam und publikumswirksam.
Stars auf dem roten Teppich und vielfältige Programmpunkte
Die Piazza-Abende dieser Jahr waren von internationalen Namen geprägt: Am 9. August war der US-Regisseur James Gray anwesend, anschliessend wurde sein autobiografisch angehauchter Mafiathriller «Paper Tiger» gezeigt. Bereits zuvor sorgten Premieren und Auftritte für grosses Interesse: Die deutsch-österreichische Premiere von «Ich ist ein Anderer» von Felix Randau zog ein volles Haus, und Hollywoodstar Olivia Wilde brachte mit der Beziehungskomödie «The Invite» einen weiteren Publikumsmagneten auf die Piazza.
«Die stärksten Bilder, die grössten Momente und viele der erinnerungswürdigsten Begegnungen finden unter freiem Himmel vor rund 8000 Menschen statt.»
Auch Schweizer Präsenz war spürbar: Regisseurin Petra Volpe stellte mit «Frank & Louis» ihre erste amerikanische Produktion vor, was die internationale Reichweite des Festivals unterstreicht.
Spagat zwischen Wettbewerbsanspruch und Publikumsnähe
Locarno steht seit Jahren zwischen zwei Polen: Auf der einen Seite das internationale Arthouse-Programm, das den Wettbewerb bildet und das Festival profilieren soll; auf der anderen Seite die Piazza, die mit zugänglichen, oft englischsprachigen Filmen und prominenten Gästen grosse Publikumszahlen erreicht. Beobachterinnen und Beobachter merken an, dass in diesem Jahr das Gleichgewicht weiter zugunsten der Piazza verschoben scheint. Für das Festival bedeutet das:
- Stabile Publikumszahlen und starke mediale Präsenz durch prominente Gäste und populäre Filme auf der Piazza Grande.
- Herausforderungen für den Wettbewerb, der für Filmkritiker und Cineasten wichtig bleibt, im öffentlichen Diskurs aber weniger sichtbar ist.
- Wirtschaftliche und städtische Effekte: Der Piazza-Betrieb zieht Gäste in die Innenstadt, belebt Gastronomie und lokale Angebote.
| Datum / Anlass | Hauptfiguren / Film |
|---|---|
| 9. August | James Gray — «Paper Tiger» (Vorführung auf der Piazza) |
| Eröffnungsabend | «Ich ist ein Anderer» (Felix Randau) — Claes Bang, Virginie Efira anwesend |
| Samstagabend | Olivia Wilde — «The Invite» (Publikumsmagnet) |
| Montag | Petra Volpe — «Frank & Louis» (erste US-Produktion) |
Für Locarno als Gastgeberstadt hat diese Entwicklung konkrete Folgen: Die Piazza-Vorstellungen sorgen für hohe Sichtbarkeit über die Festivalwoche hinaus und ziehen Besucherinnen und Besucher in die Altstadt. Das stärkt Gastronomie und Hotellerie kurzfristig und macht das Festival für ein breiteres Publikum attraktiv. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass programmatische Vielfalt und der künstlerische Anspruch des Wettbewerbs im öffentlichen Bewusstsein zurücktreten.
Die Frage, wie sich das Festival langfristig positionieren will — als Forum für experimentelles, internationales Kino oder als Bühne für medienwirksame Publikumsereignisse — bleibt offen. Locarno demonstriert jedenfalls erneut, dass seine Piazza Grande weit mehr ist als ein Freiluftkino: Sie ist ein sozialer und kultureller Treffpunkt, der die Identität der Stadt in der Festivalwoche stark prägt.