Die Schauspielerin und Filmkünstlerin Isabella Rossellini hat anlässlich ihrer Ehrung am 79. Locarno Film Festival die Ambivalenz ihres öffentlichen Lebens pointiert beschrieben: Einerseits investiere sie viel Energie in Filme mit Haltung, andererseits gerate sie auf Festivals schnell in eine Rolle, die vor allem auf Äusserlichkeiten reduziert. «Ich habe ein Dilemma», sagte Rossellini zu Beginn der Pressekonferenz und fasste damit die Spannung zwischen künstlerischem Anspruch und medialer Oberflächlichkeit zusammen.
Die Gratwanderung zwischen Film und öffentlicher Rolle
Rossellini, 74 Jahre alt, sprach vor Journalisten nicht nur über ihren Auftritt auf dem roten Teppich, sondern über ein tiefer liegendes Problem: Die Förderung eines Films durch Festivalauftritte bringe Frauen oft in die Situation, primär nach Aussehen beurteilt zu werden. Das widerspreche den Intentionen, mit denen viele Filmschaffende arbeiten – etwa einem bewusst gesetzten feministischen Statement auf der Leinwand. Stattdessen werde die Person dahinter, die sich über Jahre künstlerisch profiliert habe, an der Oberfläche gemessen.
«Auf dem roten Teppich merkst du, dass die meisten den Film nicht gesehen haben, sondern da sind, um über dein Aussehen zu urteilen.»
Für Rossellini resultiert daraus ein dauerhaftes Dilemma: Wie lässt sich einerseits die künstlerische Arbeit fördern, ohne zugleich zur Projektionsfläche ästhetischer Urteile zu werden? Ihre Schilderungen lieferten Einblick in die Risse zwischen Filmkultur und Medienritualen, die auch in europäischen Festivalsalltag wirksam sind.
Herkunft, Familie und der lange Schatten berühmter Namen
Die Herkunft Rossellinis spielt in ihrer Selbstbeschreibung eine gewichtige Rolle. Sie wurde als Tochter des Regisseurs Roberto Rossellini und der Schauspielerin Ingrid Bergman geboren, von der zeitgenössischen Kulturgeschichte oft als «schönste Frau der Welt» erinnert. Rossellini wuchs im Rom der Nachkriegszeit auf und hat insgesamt sechs Geschwister – zwei leibliche sowie vier Halbgeschwister. Die musikalischen, filmischen und medialen Rahmenbedingungen ihrer Kindheit prägten ihre Wahrnehmung von Beruf und Identität.
In ihrer Autobiografie «Some of Me» (1997) reflektiert sie bereits frühe Versuche, sich gegen diese Prägekräfte abzugrenzen. Als Kind habe sie zeitweise geschworen, ein Mann werden zu wollen, weil ihr die Welt der Männer damals freier und verlockender erschien als die der Frauen. Diese Erinnerung illustriert, wie tief die Rollenerwartungen in persönlichen Entscheidungen verankert sein können.
Wendepunkt und Bestätigung durch Richard Avedon
Der Fotograf Richard Avedon spielte offenbar eine entscheidende Rolle in Rossellinis Werdegang: Er war es, der sie von ihrem schauspielerischen Potenzial überzeugte und so zu einem wichtigen Wendepunkt ihrer Karriere beitrug. Rossellinis Weg zeigt, wie äussere Bestätigung gleichzeitig förderlich und belastend sein kann, wenn sie in Verbindung mit einem berühmten Familiennamen steht.
- Alter: 74 Jahre
- Festival: 79. Locarno Film Festival (Ehrung, Pressekonferenz)
- Autobiografie: «Some of Me» (1997)
| Aspekt | Angabe |
|---|---|
| Alter | 74 |
| Festival | 79. Locarno Film Festival |
| Autobiografie | Some of Me (1997) |
| Geschwister | 6 (2 leiblich, 4 halb) |
Die Aussagen Rossellinis rufen nicht nur Erinnerungen an eine lange Karriere wach, sie werfen auch Fragen zur Rolle von Festivals, Presse und Öffentlichkeit in der Gegenwart auf. Locarno, als bedeutender Treffpunkt der internationalen Filmbranche, bietet dafür eine passende Bühne: Hier prallen Imagepflege und inhaltliche Auseinandersetzung oft unmittelbar aufeinander.
Rossellinis Reflexionen sind zugleich persönliches Zeugnis und kulturelle Diagnose. Sie fordern dazu auf, die Art und Weise zu hinterfragen, wie filmische Werke und ihre Urheberinnen und Urheber sichtbar gemacht werden. In diesem Sinne bleibt die Ehrung in Locarno nicht bloss eine Retrospektive, sondern ein Moment zum Nachdenken über Sichtbarkeit, Geschlecht und die Mechanismen der Filmindustrie.