Eine internationale Langzeitstudie liefert erstmals belastbare Daten dazu, wie sich Pilgern auf die Psyche auswirkt: Teilnehmende am Jakobsweg wiesen deutlich stärkere Verbesserungen in psychischen Belastungsmerkmalen auf als Personen, die einen normalen Urlaub verbrachten. Untersucht wurden insgesamt 444 Pilger und eine Kontrollgruppe von 100 Urlaubern, die Antworten vor der Reise, unmittelbar danach und drei Monate später gaben.
Wesentliche Ergebnisse
Die Forschergruppe um Albert Feliu Soler von der Autonomen Universität Barcelona beobachtete mehrere relevante Parameter: Emotionales Unwohlsein und Stressnahmen ab, die Lebenszufriedenheit stieg und Achtsamkeit nahm zu. Entscheidend ist, dass die positiven Veränderungen nicht nur kurzfristig unmittelbar nach der Reise messbar waren, sondern auch nach drei Monaten noch bestanden.
- Teilnehmende: 444 Pilger auf dem Jakobsweg gegen 100 Personen in einer Kontrollgruppe mit normalem Urlaub.
- Zeitpunkt der Messung: vor der Reise, direkt danach und drei Monate später.
- Hauptergebnis: Pilgern wirkt in fast allen gemessenen Variablen deutlicher günstig als ein gewöhnlicher Urlaub.
Mögliche Wirkmechanismen
Die Studie führt mehrere Faktoren an, die gemeinsam die psychische Wirkung erklären könnten: der Ortswechsel und das Herauskommen aus dem Alltagskontext, längere körperliche Aktivität, soziale Begegnungen mit Mitpilgern sowie eine Zunahme an Achtsamkeit. Die Autorinnen und Autoren betonen, dass vermutlich mehrere dieser Elemente zusammenwirken und die Erfahrung als „therapeutisch“ beschreiben.
„Reizentzug und repetitive, monotone Bewegungen tragen dazu bei, dass wir in einen nicht-alltäglichen Bewusstseinszustand geraten; man könnte es auch als Trance bezeichnen“, so die Sinnforscherin Tatjana Schnell über mögliche psychologische Mechanismen.
Was bedeutet das für die Praxis?
Für Ärztinnen und Ärzte, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sowie Gesundheitsberater ist die Studie insofern relevant, als sie eine kostengünstige, niedrigschwellige Intervention nahelegt, die bei geeigneten Personen zur Verbesserung von Stimmung und Stressbelastung beitragen kann. Entscheidend bleibt die individuelle Eignung: Pilgern ist mit körperlicher Belastung verbunden und nicht für alle Patientinnen oder Patienten gleich gut geeignet.
Wichtig ist außerdem, dass die Studie auf Selbstauskünften basiert. Solche Befragungen liefern wertvolle Hinweise zu subjektivem Erleben und Lebenszufriedenheit, sind aber anfälliger für verzerrende Faktoren als randomisierte, kontrollierte Interventionsstudien. Langfristige Follow-ups über drei Monate hinaus sowie Untersuchungen in unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen würden die Evidenz weiter stärken.
Für wen könnte Pilgern eine Option sein?
Pilgerreisen könnten insbesondere für Menschen sinnvoll sein, die:
- unter mäßigem chronischem Stress oder leichten depressiven Symptomen leiden,
- körperlich mobil sind und mehrtägige Fußmärsche vertragen,
- soziale Begegnungen und strukturiertes, routinemäßiges Gehen schätzen.
Wer überlegt, eine Pilgerreise als therapeutische Maßnahme zu nutzen, sollte im Vorfeld mit der Hausärztin oder dem Hausarzt bzw. der betreuenden Psychotherapeutin sprechen, um körperliche Risiken abzuschätzen und realistische Erwartungen zu klären.
Die Studie liefert ein wichtiges Puzzlestück zur Frage, wie Alltagsgestaltung und Reiseerfahrungen psychische Gesundheit nachhaltig beeinflussen können. Sie ersetzt keine individualmedizinische Beratung, zeigt aber, dass Pilgern mehr ist als bloßer Tourismus: Für viele Teilnehmende kann es ein bewusster Schritt zu mehr Achtsamkeit, Lebenszufriedenheit und psychischer Entlastung sein.