Bundeskanzler Christian Stocker hat im Rahmen eines offiziellen Besuchs in Ankara den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan zu einem Gegenbesuch nach Wien eingeladen. Die Begegnung markiert eine Phase verstärkter diplomatischer Annäherung zwischen Österreich und der Türkei. Bei dem Treffen standen vor allem Sicherheitspolitik, Migration und wirtschaftliche Verflechtungen im Mittelpunkt.
Schwerpunkte: Abschiebungen, Grenzschutz und Flüchtlingsdeal
Österreich und die Türkei vereinbarten eine engere Kooperation bei Abschiebungen und beim Schutz der EU-Außengrenzen. Beide Seiten sprachen sich nach den Verhandlungen für eine Verlängerung des Flüchtlingsabkommens aus dem Jahr 2016. Damit will Wien offenbar die Grundlage für eine geordnete Rücknahme von Personen schaffen, deren Aufenthalt nicht gesichert ist.
Die türkische Delegation wurde unter anderem von Außenminister Hakan Fidan, Handelsminister Ömer Bolat und Verkehrsminister Abdulkadir Uraloğlu begleitet. Stocker reiste mit Finanzminister Peter Hanke sowie dem Vizepräsidenten der Wirtschaftskammer Österreich, Wolfgang Hesoun.
Erdoğans Forderungen und Stockers Interessen
Präsident Erdoğan verknüpfte die Gespräche mit Forderungen an die Europäische Union. Er drängte auf eine Erweiterung der Zollunion zwischen der Türkei und der EU und auf Fortschritte bei der Visaliberalisierung für türkische Staatsbürger. Diese Forderungen stehen seit Jahren auf der türkischen Agenda und sind für viele EU-Staaten politisch sensibel.
Bundeskanzler Stocker würdigte die Rolle der Türkei als regionalen Vermittler und sprach zugleich sein Interesse an türkischer Rüstungstechnologie aus. Konkret äußerte er Interesse an Drohnen (SİHA) und erörterte Fragen der Verteidigungsindustrie. Solche Gespräche könnten mittelfristig zu konkreteren Kooperationsfeldern in der Rüstungs- und Sicherheitszusammenarbeit führen.
- Migrationskooperation: Verstärkte Zusammenarbeit bei Abschiebungen und Grenzschutz.
- Flüchtlingsdeal: Beidseitige Unterstützung für eine Verlängerung des Abkommens von 2016.
- Wirtschaft: Gespräche über Handel, Zollunion und Rüstungsfragen; Interesse an türkischer Drohnentechnologie.
Wirtschaftliche Verflechtungen
Auch die wirtschaftlichen Beziehungen standen im Zentrum der Delegationsgespräche. Für das Jahr 2025 wird das Handelsvolumen zwischen beiden Ländern mit über 4,5 Milliarden US-Dollar angegeben; türkische Stellen nannten einen Wert von rund 4,36 Milliarden. Die österreichische Delegation, insbesondere Minister Hanke und WKO-Vize Hesoun, suchte nach Möglichkeiten, Handel und Exporte zu vertiefen.
| Jahr | Handelsvolumen (US$) |
|---|---|
| 2025 | über 4,5 Mrd. |
| Türkische Angabe | rund 4,36 Mrd. |
Folgen für Österreich
Die getroffenen Vereinbarungen haben unmittelbare Relevanz für die Innenpolitik. Eine verstärkte Zusammenarbeit bei Abschiebungen könnte die Debatte um Integration, Rückführungen und Asylverfahren in Österreich neu entfachen. Die Verlängerung des Flüchtlingsdeals von 2016 würde zudem die rechtliche Grundlage für Kooperationen im Migrationsbereich weiter stärken.
Gleichzeitig sind die türkischen Forderungen an die EU, etwa zur Zollunion und Visafreiheit, schwerpunktmäßig Fragen der Europäischen Union. Eine nationale Umsetzung lässt sich nur begrenzt allein von Wien vorantreiben. Für Österreich bedeutet die Annäherung jedoch einen erweiterten Spielraum in bilateralen Gesprächen, etwa bei Sicherheitsfragen oder technologischer Kooperation.
In der Öffentlichkeit dürfte vor allem die Diskussion über Rüstungsfragen Aufmerksamkeit erregen. Interesse an SİHA-Drohnen aus der Türkei berührt sicherheitspolitische und rüstungskontroll-Politiken, die auch in Österreich intensiver Debattenstandpunkte auslösen könnten.
Der Besuch dokumentiert insgesamt eine pragmatische Ausrichtung Wiens: Migration, Sicherheit und Handel werden als kombinierte Felder verstanden, in denen bilaterale Abkommen konkrete Wirkungen auf nationaler Ebene haben können. Ob die vereinbarten Punkte bald in konkrete Vereinbarungen oder Verträge münden, bleibt offen.