Der Rektor der Medizinischen Universität Wien und Präsident des Obersten Sanitätsrats, Markus Müller, fordert eine grundsätzliche Debatte über die Struktur des österreichischen Gesundheitssystems. Er bezeichnete es als komplex, unübersichtlich und sehr teuer und sieht in einer Zentralisierung der Spitalslandschaft, dem schnellen Aufbau von Facharztzentren sowie dem Ausbau der Pflegelandschaft zentrale Hebel für eine nachhaltigere Versorgung.
Weniger, grössere Spitäler als Ziel
Müller verwies auf die Anzahl der Krankenanstalten in Österreich und stellte diese dem Ausland gegenüber: Österreich: rund 260 Spitäler, Deutschland: etwa 1.800, Dänemark: rund 20. Daraus folgert er, dass eine Konzentration von Leistungen auf grössere Einheiten notwendig sei, weil viele Leistungen in sehr kleinen Strukturen nicht in der nötigen Qualität erbracht werden könnten.
„Wenn man sich die schiere Zahl an Spitälern ansieht … wird man draufkommen, dass Österreich mit 260 Spitälern sehr viele Krankenanstalten hat.“
Er betonte, dass bestimmte Leistungen in kleineren Einrichtungen nicht in jener Qualität angeboten werden könnten, die erforderlich sei. Deshalb sei eine Reduktion der Spitalslandschaft hin zu grösseren Einheiten notwendig, ergänzt durch flächendeckende Primärversorgungs- und Facharztzentren, die gerade im ländlichen Raum rund um die Uhr erreichbar sein müssten.
Facharztzentren und Pflegestruktur
Als „Schlüssel“ bezeichnete Müller den raschen Aufbau von Facharztzentren. Diese sollen niederschwellige, spezialisierte Versorgungsangebote näher zum Patienten bringen und eine Entlastung der Spitäler ermöglichen. Zudem forderte er einen Ausbau der Pflegelandschaft, um den steigenden Versorgungsbedarf abdecken zu können.
- Facharztzentren: zeitnahe Einrichtung nötig, rund um die Uhr besonders im ländlichen Raum
- Spitalsstruktur: weniger, grössere Krankenanstalten statt vieler kleiner Einheiten
- Pflege: Ausbau der Angebote zur Sicherung der Versorgung
Müller kritisierte, dass in der aktuellen Reformdiskussion zwar viele Akteure Zufriedenheit signalisieren, die Schritte aber insgesamt klein wirkten, weil an den Grundstrukturen des Systems nicht gerüttelt werde. Er verwies auch auf die Ausgabenprioritäten des Fiskalrats: Bei den grössten Ausgabenblöcken landeten Gesundheit und Pensionen – daher sei es für ihn schwer nachvollziehbar, warum an der Ausbildung junger Menschen (etwa an Universitäten) gespart werden solle, statt strukturelle Veränderungen anzugehen.
Konsequenzen für Politik und Gesundheitswesen
Die Forderungen des MedUni-Rektors berühren mehrere Ebenen: Länderhoheit über Spitalsplanung, Finanzierung durch Bund und Krankenkassen sowie berufspolitische Interessen von Ärztinnen und Ärzten und der Pflege. Eine Zentralisierung der Spitalslandschaft würde regionale Versorgungsangebote verändern und erfordert koordinierte Politikentscheidungen, etwa zu Transportwegen, Notfallversorgung und Arbeitsplätzen in Regionen mit vielen kleinen Spitälern.
Veränderungen bei Struktur und Dichte der Versorgungseinrichtungen können langfristig Kostenwirkungen haben, bergen aber auch Übergangsrisiken: Wegfall lokaler Kapazitäten kann Erreichbarkeit beeinträchtigen, sofern parallel nicht ausreichend ambulante Alternativen geschaffen werden. Müller spricht sich deshalb für eine Kombination aus Spezialisierung in grösseren Spitälern und niedrigschwelligen, lokal verankerten Facharzt- und Primärversorgungszentren aus.
| Land | Anzahl Spitäler (laut Müller) |
|---|---|
| Österreich | ~260 |
| Deutschland | ~1.800 |
| Dänemark | ~20 |
Die Debatte, die Müller anstößt, verlangt politischen Mut und sorgfältige Begleitung: Alle Betroffenen – Bund, Länder, Spitalsträger, Berufsverbände und Patientinnen und Patienten – müssten in die Diskussion eingebunden werden, um Qualität, Erreichbarkeit und Finanzierbarkeit des Systems zu sichern. Solche Strukturdebatten sind komplex und berühren nicht nur ökonomische, sondern auch soziale Aspekte der Gesundheitsversorgung.
Unabhängig von persönlichen Bewertungen steht fest: Die Vorschläge zielen auf eine Neuordnung der Versorgungslandschaft, die kurzfristig heikle Übergangsfragen aufwirft, langfristig aber auf Effizienz- und Qualitätsgewinne abzielen soll. Ob und wie schnell Politik und Verwaltung darauf reagieren, bleibt offen.