Immer mehr Frauen verzichten bewusst auf den BH – sei es aus Komfortgründen, als Statement oder weil es subjektiv angenehmer ist. Aus orthopädischer und sportmedizinischer Sicht ist diese Entwicklung «mit Interesse» zu beobachten: Verzicht ist für viele Frauen unproblematisch, zugleich gibt es klare Situationen, in denen ein BH medizinisch sinnvoll bleibt. Das erläutert der Orthopäde und Sportmediziner Markus Klingenberg.
Was die Forschung sagt
Ein häufig vorgebrachtes Argument für das Tragen eines BHs ist die Sorge vor vorzeitigem Erschlaffen des Brustgewebes. Klingenberg verweist auf Studien, die zeigen, dass die Schwerkraft sich nicht austricksen lässt – aber das Ergebnis nicht unbedingt zugunsten eines dauerhaften BH-Tragens ausfällt. So deuten einige Arbeiten, darunter eine Langzeituntersuchung des französischen Sportmediziners Jean-Denis Rouillon, darauf hin, dass bei jungen Frauen ein dauerhafter Verzicht auf einen stützenden BH zu einer Stärkung von Bändern und Bindegewebe führen kann. Der zugrundeliegende Mechanismus ist plausibel: Ohne externe Unterstützung müssen körpereigene Strukturen mehr arbeiten und können dadurch einen Trainingsreiz erfahren.
Für wen Verzicht meist unbedenklich ist
- Frauen mit kleiner bis mittlerer Brustgröße ohne bekannte Bindegewebsschwäche können laut Klingenberg oft problemlos auf einen BH verzichten.
- Der Verzicht kann subjektiv das Wohlbefinden steigern und die Bewegungsfreiheit erhöhen.
- Bei normaler Statik und ohne chronische Rückenbeschwerden ist ein Zusammenhang zwischen BH-Verzicht und neuen Rückenproblemen nicht zwingend gegeben.
Wann ein BH medizinisch empfohlen bleibt
Klingenberg betont, dass die Beobachtungen nicht für alle Frauen gelten. Besonders relevant sind folgende Situationen:
- Sehr grosse Brust (Makromastie): Hier können die Zugkräfte auf Rücken, Schultern und Nacken deutlich zunehmen; eine stützende Außenhilfe reduziert Beschwerden.
- Schwaches Bindegewebe – etwa nach Schwangerschaften oder bei genetischer Veranlagung: Dann ist die Stabilität der Bruststrukturen eingeschränkt und Unterstützung kann sinnvoll sein.
- Sportliche Belastung: Bei körperlicher Aktivität empfiehlt Klingenberg einen gut sitzenden Sport-BH, um Bewegungsfreiheit und Komfort zu sichern und Zugkräfte zu reduzieren.
| Aspekt | Verzicht auf BH | Tragen eines BH |
|---|---|---|
| Bindegewebetraining | möglicher positiver Effekt (Trainingseffekt) | reduziert Belastung, kein Trainingseffekt |
| Beschwerden bei grosser Brust | Risiko für Rücken-/Nackenschmerzen steigt | häufig Linderung durch Unterstützung |
| Sport | nicht empfohlen bei hoher Belastung | sportartspezifisch empfohlen (Sport-BH) |
Praktische Empfehlungen
Aus der Darstellung lassen sich praxisnahe Hinweise ableiten, die Klingenberg empfiehlt:
- Individuelle Abwägung: Brustgrösse, persönliche Beschwerden und Aktivitätsniveau entscheiden über Vor- oder Nachteile des Verzichts.
- Bei Unsicherheit orthopädischen Rat einholen, vor allem wenn Rücken- oder Nackenbeschwerden bestehen.
- Bei sportlicher Aktivität auf einen gut sitzenden, passenden Sport-BH setzen.
Wichtig ist, Mythen kritisch zu prüfen: Ein allgemeines Patentrezept gibt es nicht. Der Effekt des BH-Verzichts hängt von der individuellen Anatomie und Lebensweise ab. Für viele Frauen ist das Ausprobieren einer bewussten Entscheidung ohne BH sinnvoll; bei anhaltenden Beschwerden sollte jedoch die ärztliche Abklärung erfolgen.
Die gesellschaftliche Debatte um das Tragen oder Nichttragen des BHs hat seit dem Lockdown-Jahr 2020 an Sichtbarkeit gewonnen. Medizinisch lässt sich sagen: Für manche kann Verzicht förderlich sein, für andere ist ein stützender BH weiterhin ein wichtiges Hilfsmittel.
Als Fachjournalistin empfehle ich: Beobachten, auf den Körper hören und bei Beschwerden nicht zu zögern, fachliche Beratung in Anspruch zu nehmen. So lässt sich Komfort mit gesundheitlicher Vorsorge in Einklang bringen.