Ein von Wissenschaftlern des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) und der Ergo-Versicherung entwickelter Klimarisikoindex für rund 400 Kreise und kreisfreie Städte macht Unterschiede in der Gefährdung durch Naturereignisse sichtbar: Sturm gilt demnach als die derzeit größte Bedrohung, Starkregen betrifft schon heute viele Regionen, und Hitzestress dürfte bis 2050 am stärksten zunehmen.
Bundesweit hohe Sturmwerte
Auf einer Skala von 0 bis 10 werden nach dem Modell in allen untersuchten Kreisen und kreisfreien Städten Werte über 7,5 für Sturmpotenzial erreicht. Damit ist Sturm das dominierende Risiko in Deutschland – rundweg höhere Indizes deuten auf eine flächendeckende Gefährdung hin. Im Gegensatz dazu ist Hitzestress derzeit noch die am wenigsten ausgeprägte Gefahr, wird aber für die kommenden Jahrzehnte als diejenige mit dem größten Anstieg prognostiziert.
Regionale Unterschiede bei Starkregen und Hitzestress
Der Risikoindex zeigt, dass jede vierte Region bereits jetzt einen hohen Indexwert (über 7,5) für Starkregen aufweist. Besonders in bergigen Regionen steigt das Risiko für schwere Regenereignisse aufgrund von lokalen Niederschlagsmustern und Topographie.
- Sturm: flächendeckend das größte aktuelles Risiko; alle Kreise über 7,5.
- Starkregen: bereits jetzt in etwa 25 % der Regionen stark präsent; in Gebirgszonen erhöhtes Risiko.
- Hitzestress: aktuell weniger dominant, prognostiziert aber den stärksten Zuwachs bis 2050.
Unterschiedliche Betroffenheit: Wilhelmshaven vs. Kempten
Die Analyse benennt konkrete Vergleichspunkte: Als aktuell am höchsten gefährdet gilt die Küstenstadt Wilhelmshaven mit einem Indexwert von 5,7, der bis 2050 auf 5,9 steigen soll. Demgegenüber steht Kempten im Allgäu als eine der am wenigsten gefährdeten Städte mit einem heutigen Wert von 2,8, der bis 2050 auf 3,1 ansteigen wird. Diese Zahlen machen deutlich, dass Küsten- und Flusslagen andere Herausforderungen haben als eher trockene oder hochgelegene Regionen.
| Ort | Aktueller Index | Prognose 2050 |
|---|---|---|
| Wilhelmshaven | 5,7 | 5,9 |
| Kempten (Allgäu) | 2,8 | 3,1 |
Finanzielle Lücken als zentrales Problem
Aus Sicht der Studienautorinnen und -autoren ist nicht nur die physische Gefährdung relevant, sondern auch die Frage der finanziellen Vorbereitung der Kommunen. IW-Experte Hanno Kempermann macht auf ein strukturelles Problem aufmerksam:
„Vielen Kommunen fehlte bislang das Geld, um sich hinreichend auf die Folgen des Klimawandels vorzubereiten.“
Er betont außerdem, dass eine weitere Aufgabenzuweisung an Kommunen ohne entsprechende Finanzierung perspektivisch wenig Hoffnung auf Entspannung der Lage biete. Damit rückt die Frage der Mittelzuweisung von Bund und Ländern in den Fokus der weiteren Diskussion über Anpassungsstrategien.
Konsequenzen für Planung und Anpassung
Der Index liefert Entscheidern auf kommunaler und regionaler Ebene eine datenbasierte Grundlage, um Prioritäten zu setzen: Infrastrukturmaßnahmen, Hochwasserschutz, Entsiegelung, Grünraumplanung und Vorsorgestrategien gegen Hitzeereignisse lassen sich regional gewichten. Gleichzeitig macht die Studie deutlich, dass Risikoabschätzung allein nicht ausreicht — ohne gezielte finanzielle Unterstützung bleiben viele Vorhaben in der Umsetzung gefährdet.
Für die Praxis bedeutet das: Anpassungsmaßnahmen brauchen nicht nur wissenschaftliche Evidenz, sondern auch verbindliche Finanzierungszusagen und koordinierte Planung zwischen Bund, Ländern und Gemeinden. Andernfalls drohen steigende Schäden und wachsende soziale Belastungen gerade in stärker gefährdeten Regionen.
Der Klimarisikoindex bietet damit eine Grundlage für differenzierte Risikoanalysen. Seine Daten zeigen klar, wo kurzfristig Handlungsbedarf besteht und wo langfristig Ressourcen zur Anpassung priorisiert werden sollten.