Şeyda Kurt, bisher überwiegend als scharfsinnige Essayistin wahrgenommen, hat mit „Zeit der Monster“ ihren ersten Roman vorgelegt. Das Werk ist kein konventioneller Erzähltext, sondern verbindet Elemente von Dystopie, Gesellschaftssatire und moderner Mythologie zu einem „literarischen Fiebertraum“, der in die Brüche und Zwischenräume unserer Gegenwart blickt.
Kein Spektakel, sondern das Zwischenreich
Ausgangspunkt des Romans ist eine vermeintlich typische Schlagzeile des Internetzeitalters: Eine rätselhafte Prophezeiung über das bevorstehende Ende der Welt verbreitet sich online und verunsichert ein ganzes Stadtviertel. Anders als viele Katastrophenerzählungen verzichtet Kurt auf einen grossen, spektakulären Knall. Vielmehr interessiert sie sich für das Dazwischen – für die Risse in sozialen Strukturen, die entstehen, wenn kollektive Sicherheit und Alltag ins Wanken geraten.
In diesem Viertel, geprägt von Industrie, sozialen Spannungen und den Geschichten seiner Bewohnerinnen und Bewohner, schlägt sich das Gerücht über eine bevorstehende Katastrophe zunächst in Form eines düsteren TikTok-Videos nieder. Was wie ein absurdes Internetphänomen beginnt, entwickelt sich zu einer sozialen Dynamik: Alte Konflikte werden neu verhandelt, Sehnsüchte nach Zusammenhalt treten zutage, und manche Figuren versuchen, die sich bietenden Veränderungen mit Nachdruck zu formen.
- Themen: Angst, digitale Verbreitung, soziale Spannungen, Wandel
- Genre-Mix: Dystopie, Satire, moderne Mythenerzählung
- Schauplatz: Ein Industrieviertel mit vielfältigen Bewohnerinnen und Bewohnern
Menschen im Mittelpunkt
Im Zentrum der Erzählung stehen mehrere Figuren, deren Lebenswege sich im Ausnahmezustand verflechten. Beispielhaft genannt ist die entschlossene Fitnessstudiobetreiberin Mira, die versucht, das Viertel zusammenzuhalten. Kurt beschreibt Menschen, die nach Solidarität suchen, alte Fehden austragen oder ihren eigenen Wandel erzwingen wollen. Dadurch entsteht ein vielstimmiges Bild davon, wie Gemeinschaften auf Unsicherheit reagieren — mit Fürsorge, Verzweiflung, Opportunismus und manchmal absurdem Aktionismus.
Die Autorin nutzt dafür eine Sprache, die schwarzen Humor mit politischen Gedankenexperimenten verbindet. Diese Mischung macht das Buch zu einer Stimme, die sowohl ironisch als auch ernst die Frage stellt, wie Gesellschaften mit Krisen umgehen und welche Geschichten in solchen Momenten entstehen.
Ein Schritt in die Fiktion mit gesellschaftlichem Blick
Für Leserinnen und Leser, die Şeyda Kurt aus ihren Essays kennen, ist der Schritt in die Belletristik kein Bruch, sondern eine Erweiterung ihres Blicks auf Macht, Liebe, Wut und gesellschaftliche Strukturen. Kurt verlagert ihre analytische Aufmerksamkeit in ein erzählerisches Format, das die Befindlichkeit einer Gemeinschaft und die Mechanik kollektiver Deutungen sichtbar macht.
| Element | Funktion im Roman |
|---|---|
| Prophezeiung / TikTok-Video | Katalysator sozialer Dynamiken |
| Viertel | Sozialer Mikrokosmos |
| Figuren wie Mira | Vermittlerinnen von Zusammenhalt und Konflikt |
Das Buch fragt nicht nur nach dem Ende, sondern vor allem danach, was in den Momenten dazwischen geschieht: Welche Risse werden sichtbar? Welche Allianzen bilden sich? Wer nutzt die Verunsicherung, wer versucht zu stabilisieren? Diese Fragen machen den Roman zu einem Spiegel für aktuelle Debatten über digitale Desinformation, soziale Ungleichheiten und die Suche nach Solidarität in unsicheren Zeiten.
Insgesamt zeigt sich Kurt in ihrem Debüt als Autorin, die gesellschaftliche Beobachtung mit erzählerischer Experimentierfreude verbindet. Für die Leserschaft, die an politischen und sozialen Fragen interessiert ist, bietet „Zeit der Monster“ ein dichtes, oft ironisches, manchmal beklemmendes Panorama des Gegenwärtigen — ohne einfache Antworten, aber mit klarem Blick auf die Menschen, die im Zentrum solcher Umbrüche stehen.