Erfurt. Thüringen steht vor einem langfristigen Rückgang bei den Schülerzahlen: Laut Berechnungen des Bildungsministeriums wird die Zahl der Schülerinnen und Schüler in den kommenden Jahren deutlich sinken. Diese Entwicklung hat weitreichende Folgen für die Lehrerversorgung, die Schulorganisation und die kommunale Infrastruktur.
Prognose: Deutlicher Rückgang bis 2036
Nach Angaben des Bildungsministeriums basiert die Prognose auf einer Bevölkerungsvorausberechnung des Landesamtes für Statistik. Demnach dürfte die Zahl der Schülerinnen und Schüler bis zum Schuljahr 2036/37 auf etwa 198.600 sinken. Für das Schuljahr 2035/36 wird ein Wert knapp über dieser Marke erwartet, im laufenden Schuljahr 2026/27 liegen die Zahlen noch bei rund 255.900 Schülerinnen und Schülern.
| Schuljahr | Erwartete Zahl der Schülerinnen und Schüler |
|---|---|
| 2026/27 (aktuell) | ca. 255.900 |
| 2035/36 | etwa 204.300 |
| 2036/37 | etwa 198.600 |
Betroffen sind alle Schulformen
Die Prognose betrifft dem Ministerium zufolge alle Schulformen. Im historischen Vergleich ist der erwartete Rückgang markant: In den 1990er-Jahren lernten noch deutlich über 400.000 Kinder und Jugendliche in Thüringen an den Schulen; in den Schuljahren 1995/96 und 1996/97 waren es fast 443.000. Seither geht die Zahl auf lange Sicht zurück, auch wenn es zwischendurch einzelne Jahre mit leicht steigenden Schülerzahlen gab.
Ursachen: Demografie als treibende Kraft
Grundlage der Vorhersage ist die demografische Entwicklung im Land: Das Landesamt für Statistik rechnet insgesamt mit einem Bevölkerungsrückgang. Eine Ausnahme bilde die Altersgruppe der über 65-Jährigen, in der bis 2035 eine Zunahme erwartet werde. Für die Schuljahre bedeute dies weniger Geburtenjahrgänge und damit langfristig weniger Schülerinnen und Schüler.
Konsequenzen für Lehrkräfte und Schulträger
Der prognostizierte Rückgang erschwert die Personalsituation: Schon bisher kämpfen Schulträger und das Land mit Engpässen bei der Gewinnung von Lehrkräften. Künftig werde es nicht mehr darum gehen, großflächig und pauschal Lehrkräfte einzustellen, sondern gezielt in den Jahren Bedarf zu bedienen, in denen Lehrkräfte gebraucht werden, erklärte eine Sprecherin des Bildungsministeriums.
- Gezielte Personalplanung: Statt allgemeiner Einstellungswellen ist künftig eine an den jeweiligen Bedarf angepasste Rekrutierung nötig.
- Schulentwicklung: Schulträger müssen Nutzungskonzepte für Gebäude und Räume neu prüfen und an veränderte Schülerzahlen anpassen.
- Regionale Unterschiede: Der Rückgang wird nicht überall gleich stark ausfallen; lokale Planungen sind daher erforderlich.
Auswirkungen auf Gemeinden und Infrastruktur
Für Kommunen bedeuten sinkende Schülerzahlen Herausforderungen bei der Planung von Schulgebäuden und beim Erhalt von Bildungsangeboten vor Ort. Leerstände in Schulgebäuden, die Anpassung von Schulbussen und die Neuverteilung von Fördermitteln sind mögliche Folgefragen. Zugleich können kleinere Klassen auch Chancen eröffnen, etwa in Form differenzierterer Förderung und individuelleren Lernangeboten — vorausgesetzt, die finanzielle und personelle Ausstattung erlaubt dies.
Was das für Eltern und Lehrkräfte bedeutet
Für Eltern kann die Entwicklung Veränderungen im Schulangebot vor Ort bedeuten: Zusammenlegungen von Klassen, veränderte Schulwege oder Anpassungen bei Betreuungszeiten sind denkbar. Lehrkräfte werden mit einer flexibleren Einsatzplanung rechnen müssen. Schulbehörden stehen vor der Aufgabe, Übergänge transparent zu gestalten und rechtzeitig zu informieren, damit Betroffene planen können.
Ausblick
Die demografische Entwicklung ist ein langfristiger Prozess. Sie erfordert eine vorausschauende Abstimmung zwischen Land, Schulträgern und Kommunen. Das Thüringer Bildungsministerium hat bereits auf die Prognose verwiesen und betont, dass die Besetzung von Lehrerstellen künftig stärker an zeitlichen und regionalen Bedarfen ausgerichtet werden müsse. Konkrete Umsetzungspläne und regionale Maßnahmen stehen noch zur Abstimmung.
Die Prognosen werfen eine zentrale Frage auf: Wie gestalten Politik und Verwaltung Bildung in Thüringen so, dass Qualität und Zugänglichkeit auch bei sinkenden Schülerzahlen erhalten bleiben? Diese Debatte wird die kommenden Jahre in vielen Gemeinden bestimmen.
Von Cornelia Hartmann, Korrespondentin Thüringen