Eine Langzeitstudie des Instituts für Höherer Studien (IHS) kommt zu dem Ergebnis, dass der Bildungsweg von Kindern in Österreich maßgeblich vom Bildungsabschluss der Eltern geprägt ist. Für die Analyse wurden die Bildungsverläufe von insgesamt 85.535 Schulanfängerinnen und Schulanfängern des Jahrgangs 2004/05 über einen Zeitraum von 17 Jahren bis zum 23. Lebensjahr nachverfolgt.
Deutliche Unterschiede bereits in der Volksschule
Die Studie zeigt erhebliche Differenzen schon früh im Bildungssystem: Kinder, deren Eltern höchstens einen Pflichtschulabschluss haben, sind deutlich häufiger in Sonderschulen vertreten als Kinder aus Akademikerhaushalten. Während bei den Kindern aus bildungsfernen Familien 6 Prozent eine Sonderschule besuchen, liegt der Anteil bei Kindern von Akademikerinnen und Akademikern bei nur 1 Prozent.
Im Übergang nach der Volksschule vergrößert sich die Kluft weiter: Von den Kindern aus Akademikerhaushalten wechseln 65 Prozent in die AHS-Unterstufe, bei Kindern mit Eltern mit maximalem Pflichtschulabschluss sind es nur 11 Prozent. Später besuchen 83 Prozent der Jugendlichen aus bildungsprivilegierten Familien eine Schule, die zur Matura führt; in der Gruppe der Bildungsbenachteiligten sind es 24 Prozent.
„Wir sind zwar alle im selben Bildungssystem, aber je nach sozialem Hintergrund bewegen wir uns in ganz unterschiedlichen Bildungswelten“, so Mario Steiner, Bildungsexperte am IHS.
Folgen für tertiäre Bildung und soziale Mobilität
Die Ungleichheit zieht sich bis in die tertiäre Ausbildungsphase: Mit 22 Jahren befinden sich 59 Prozent der Kinder aus Akademikerfamilien in einer tertiären Ausbildung (Universität, Fachhochschule oder Pädagogische Hochschule). Dagegen beträgt der Anteil bei Jugendlichen aus Familien mit höchstens einem Pflichtschulabschluss lediglich 11 Prozent.
Migrationshintergrund mit geringerem Einfluss
Im Gegensatz zur sozialen Herkunft übt der Migrationshintergrund laut der Untersuchung einen weniger starken Einfluss aus. Zum Zeitpunkt von 16 Jahren besuchen 54 Prozent der Jugendlichen ohne Migrationshintergrund eine maturaführende Schule. Die Studie deutet damit an, dass die soziale Herkunft wichtiger für Bildungsungleichheiten ist als der Migrationsstatus, ohne jedoch die Bedeutung des Migrationshintergrunds vollständig zu relativieren.
- Starker Prägefaktor: Bildungsabschluss der Eltern beeinflusst Auswahl von Schultypen und spätere Ausbildungschancen.
- Frühe Unterschiede: Benachteiligungen treten bereits in der Volksschule auf und verstärken sich im weiteren Verlauf.
- Langfristige Folgen: Unterschiede bei der Wahrscheinlichkeit einer tertiären Ausbildung bleiben bis ins junge Erwachsenenalter bestehen.
Kontext und mögliche Konsequenzen
Die Daten dokumentieren strukturelle Ungleichheiten im österreichischen Bildungssystem. Die beobachtete „Vererbung“ von Bildungswegen wirft Fragen zur sozialen Durchlässigkeit und zur Gestaltung des Übergangsmanagements zwischen Schulstufen auf. Wenn sich Bildungsbiografien schon in der Grundschule in deutlich unterschiedliche Bahnen lenken lassen, hat dies Auswirkungen auf Chancengerechtigkeit, Arbeitsmarktteilhabe und langfristige Einkommenschancen.
Die Ergebnisse legen nahe, dass Maßnahmen zur frühzeitigen Förderung, zur Verhinderung von Segregation und zu einer gleichberechtigten Zugänglichkeit zu bildungsfördernden Angeboten wichtig sind. Konkrete politische Maßnahmen nennt die Studie im vorliegenden Auszug nicht; die Zahlen bieten jedoch eine empirische Grundlage für weitere Debatten über Bildungsreformen, gezielte Förderprogramme und Beratungsstrukturen im Übergang zwischen Schulstufen.
| Elternbildungsstand | Sonderschule (Volksschule) | AHS-Unterstufe | Maturaführende Schule | Tertiäre Ausbildung (22 Jahre) |
|---|---|---|---|---|
| Max. Pflichtschulabschluss | 6 % | 11 % | 24 % | 11 % |
| Akademikereltern | 1 % | 65 % | 83 % | 59 % |
Die IHS-Studie liefert damit klare Zahlen zur Persistenz sozialer Herkunft in Bildungsbiografien. Für Politik und Bildungsverwaltung stellen sich auf dieser Basis Fragen zu gezielten Förderformaten, zur Gestaltung von Übergangsentscheidungen und zu Maßnahmen, die chancengerechtere Startbedingungen schaffen könnten.