Vollendung eines Jahrhundertprojekts in Greifswald
Die Universität Greifswald hat am 23. September die vollständige Veröffentlichung des Pommerschen Wörterbuchs bekanntgegeben. Das nun vorliegende, zweibändige Nachschlagewerk erfasst den plattdeutschen Wortschatz der Region Pommern mit etwa 65.000 Wortartikeln und ergänzt diesen Bestand um 53 Karten, die die geographische Verbreitung und Varianten dokumentieren.
Damit schließt das Werk nach Angaben der Hochschule die letzte dialektgeographische Lücke im ostniederdeutschen Raum. Für Wissenschaft und Öffentlichkeit eröffnet die Edition einen neuen Zugang zur regionalen Kulturgeschichte und zu den Lebenswelten jener Menschen, die die pommersche Mundart sprechen oder einst sprachen.
Einblick in Forschungsbefunde und Bedeutungszusammenhänge
Die Einträge des Wörterbuchs erlauben laut Projektleitung Rückschlüsse darauf, wie Menschen früher gearbeitet, ihre Umwelt wahrgenommen und sprachlich verankert haben. Die Sammlung liefert nicht nur Wortformen und Bedeutungen, sondern zeigt auch ihre regionale Distribution und die sprachlichen Kontexte, in denen Begriffe belegt sind.
„Die pommersche Mundart eröffnet einen Zugang zur regionalen Kulturgeschichte und zu den Lebenswelten der Menschen, die diese Mundarten gesprochen haben – und auch heute noch sprechen.“
Dieses Zitat stammt von Dr. Matthias Vollmer, Leiter der Arbeitsstelle Pommersches Wörterbuch an der Universität Greifswald, der das Projekt in den Kontext fachlicher und kulturhistorischer Bedeutung einordnet.
100 Jahre mit Brüchen: Aufbau, Verluste, Neuanfänge
Die Entstehung des Wörterbuchs reicht zurück bis 1925, als der Germanistikprofessor Wolfgang Stammler an der Universität Greifswald eine entsprechende Stelle einrichtete. Doch die Arbeit erlebte schwere Rückschläge: Im Jahr 1945 gingen nahezu alle bis dahin gesammelten Materialien infolge der Kriegsereignisse verloren.
Nur wenig später, ab 1947, wurde das Projekt von Professor Hans‑Friedrich Rosenfeld innerhalb der Arbeitsstelle der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin erneut aufgenommen. In den folgenden Jahrzehnten wuchs das Material beträchtlich: Fragebögen wurden verteilt, zahlreiche Mundartsprecher befragt und Tonbandaufnahmen angefertigt. Bis Ende der 1960er Jahre fiel der Bestand auf rund 1,2 Millionen Belegzettel an, die Bedeutungen, Verbreitungsgebiete und Belegkontexte dokumentierten.
Politische Eingriffe prägten jedoch die jüngere Geschichte des Projekts. Bereits ab 1952 musste die Arbeitsstelle ihren Namen auf „Niederdeutsches Wörterbuch“ ändern; und kurz bevor die Publikation in greifbare Nähe rückte, wurde das Vorhaben im Jahr 1969 aus politischen Gründen eingestellt. Trotz dieser Brüche blieb das Archiv erhalten: Die Universität verweist darauf, dass die Sammlung mit ihren 526 Zettelkästen in Greifswald verwahrt worden ist.
Bestand, Nutzen und Perspektiven
Das nun erschienene Wörterbuch dokumentiert nicht nur lexikalische Einträge, sondern macht über die Karten und Belegstellen regional sprachliche Vielfalt sichtbar. Für die niederdeutsche Philologie ist die Vollendung ein bedeutender Schritt; zugleich stellt das Werk eine Quelle für Forschende anderer Disziplinen dar, die an Regionalgeschichte, Ethnographie oder Alltagskultur interessiert sind.
- Umfang: rund 65.000 Wortartikel
- Karten: 53
- Früheste Initiierung: 1925 (Wolfgang Stammler)
- Große Materialsammlung: etwa 1,2 Mio. Belegzettel (Ende 1960er Jahre)
- Archivbestand: 526 Zettelkästen in Greifswald
Die Universität hebt hervor, dass mit dem Abschluss des Wörterbuchs das kulturelle Gedächtnis Pommerns weiter für die Forschung zugänglich wird. Zugleich bleibt die Edition ein Ausgangspunkt für weitere Fragen: Wie lassen sich die Einträge für die Vermittlung regionaler Sprache nutzen? Welche Rolle kann die pommersche Mundart in Bildungs‑ und Kulturangeboten vor Ort spielen? Diese Debatten werden sich in Greifswald und darüber hinaus zu führen haben.
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1925 | Gründung der Wörterbuchstelle durch Wolfgang Stammler |
| 1945 | Verluste der gesammelten Daten im Krieg |
| 1947 | Weiterführung durch Hans‑Friedrich Rosenfeld |
| 1969 | Projektstopp aus politischen Gründen |
| 2023/2024 | Vollständige Publikation des Pommerschen Wörterbuchs (zwei Bände) |
Die Veröffentlichung markiert für Greifswald einen Moment wissenschaftlicher Kontinuität: Ein regionales Forschungsprojekt, das über ein Jahrhundert wechselhafte Phasen durchlaufen hat, ist nun in seiner intendierten Form verfügbar. Für die Stadt und die Region bietet das Wörterbuch eine fundierte Grundlage, um sprachliche Identität und kulturelle Erinnerung weiter sichtbar zu machen.
Korrespondent Mecklenburg‑Vorpommern, WE NEWS.