Gesellschaft

Sicherheit an Grossanlässen: Vertrauen schaffen statt Abschottung

Sicherheitskonzepte an Konzerten, Openairs und Sportanlässen sollen Schutz bieten, dürfen aber das Erlebnis nicht zur Festung machen. Ein Rettungsfachmann erklärt, worauf es ankommt.

Sicherheit an Grossanlässen: Vertrauen schaffen statt Abschottung
©Illustration KI Sabine Widmer / we-news.com

Wer ein Konzert, ein Fussballspiel oder ein Openair besucht, kauft heute mehr als ein Billett: Er kauft das Versprechen, einige Stunden ohne existenzielle Sorgen feiern zu können. Dieses Versprechen zu halten, ist Aufgabe von Veranstaltern, Einsatzkräften und Behörden. Michael Kuster, Bereichsleiter Einsatzführung und taktische Medizin beim Rettungsdienst der Spitäler Schaffhausen und OK-Mitglied des Festivals Stars in Town, beschreibt die Herausforderung: Sicherheit muss schützen, ohne das Erlebnis zur Festung zu machen.

Zwischen sichtbarer Prävention und psychologischem Empfinden

In der Schweiz sind Grossanlässe meist professionell organisiert. Taschenkontrollen, Absperrungen, Sanität, Polizei und private Sicherheitsdienste gehören zum Standardbild. Dennoch führt Statistik alleine nicht zum Gefühl der Sicherheit. Kuster weist darauf hin, dass Sicherheit auch eine Frage der Psychologie ist: Dichte Menschenmengen, ein lauter Knall oder eine plötzliche Hektik können die Stimmung kippen, selbst wenn objektiv keine Gefahr besteht.

Gleichzeitig könne eine übertriebene Inszenierung von Schutzmassnahmen kontraproduktiv wirken. Ein Stadion, das sich wie eine Festung anfühlt, erinnere die Besucher ständig daran, wovor sie geschützt werden sollen. Gute Konzepte müssten deshalb beides leisten: Risiken minimieren und Vertrauen stärken.

"Man kauft auch ein Versprechen: dass man für ein paar Stunden feiern, jubeln oder tanzen kann, ohne ständig an Gefahren denken zu müssen."

Konkrete Elemente, die Vertrauen schaffen

Nach den Erfahrungen von Kuster beginnt verlässliche Sicherheit mit klarer Struktur und Informationen. Entscheidende Elemente sind unter anderem:

  • Eindeutige Eingänge und ausgeschilderte Wege, damit sich Besucher orientieren können.
  • Verständliche Kommunikation vor und während der Veranstaltung, etwa via Ansagen oder Informationsstände.
  • Ausreichend Raum an kritischen Stellen, damit es nicht zu gefährlicher Verdichtung kommt.
  • Aufmerksames, nicht-aggressives Personal, das deeskalierend wirkt und erste Ansprechstelle für Besucher ist.
  • Sanitäts- und Rettungsdienste, die sichtbar, aber nicht dominant präsent sind.

Diese Massnahmen zielen nicht nur auf Prävention, sondern auch auf die Wahrnehmung der Besucher. Wer weiss, wohin er sich im Notfall wenden kann, fühlt sich sicherer. Wer Personal als hilfsbereit erlebt, bleibt gelassener.

Veranstalter, Behörden und Einsatzkräfte in der Verantwortung

Die Verantwortung für vertrauenswürdige Sicherheit liegt auf mehreren Schultern: Veranstalter müssen Konzepte entwickeln, die Ordnungs- und Sicherheitsdienste diese umsetzen, und Behörden Rahmenbedingungen schaffen. Kuster bringt seine praktische Erfahrung aus Feuerwehrdienst, Polizei- und Rettungsarbeit ein und betont, wie wichtig gegenseitige Abstimmung ist. Nur ein koordiniertes Vorgehen gewährleiste schnelle, angemessene Reaktionen und erhalte das Vertrauen der Besucher.

Auch die Weiterbildung des Personals spielt eine Rolle: Taktische Medizin, Deeskalationstraining und Szenarien zur Massenpanik gehören heute zur Ausbildung. Solche Vorkehrungen sind nicht allein technischer Natur; sie entscheiden über das Verhalten von Menschen in Stresssituationen.

Folgen für Besucher und Veranstaltungsqualität

Ein Sicherheitskonzept, das Vertrauen schafft, hat direkte Auswirkungen auf das Erlebnis: Besucher bleiben länger, geben mehr aus und empfehlen eine Veranstaltung weiter. Hingegen können übertriebene Massnahmen das Publikum abschrecken oder die Atmosphäre beeinträchtigen. Kuster warnt deshalb vor einem reflexartigen Aufbau von Barrieren: Sicherheit dürfe nicht zum Selbstzweck werden.

In einer Zeit, in der Anschläge und Amokfälle weltweit Aufmerksamkeit erzeugen, bleibt die Gratwanderung schwierig. Die Schweiz hat gute Voraussetzungen, weil viele Akteure Erfahrung und Ressourcen mitbringen. Entscheidend ist, dass diese Ressourcen so eingesetzt werden, dass sie sowohl Schutz als auch Vertrauen bieten — und dass die Menschen das Gefühl behalten, Teil eines gemeinsamen, sicheren Erlebnisses zu sein.

Die Diskussion darüber, wie viel sichtbare Sicherheit nötig ist und wie sie gestaltet werden muss, wird weitergehen. Praktische Erfahrungswerte wie jene von Kuster liefern dabei wertvollen Input für die Weiterentwicklung von Sicherheitskonzepten in der Schweiz.

Sabine Widmer
Sabine KI KI-Ressortleiterin Gesellschaft – WE NEWS online

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