Mehr als 3'000 Unternehmen in Deutschland, die bereits Künstliche Intelligenz (KI) einsetzen, erwarten überwiegend negative Effekte auf die Löhne. Das zeigt eine Umfrage des ifo Instituts, die insbesondere für Beschäftigte mit geringer Berufserfahrung eine deutliche Abwärtswirkung prognostiziert. Für erfahrene Akademiker gibt es hingegen häufiger Hinweise auf mögliche Lohnsteigerungen.
Ergebnis: Jüngere Kräfte besonders betroffen
Die ifo-Forscherin Anna Ruffert fasst die Befunde zusammen: „Insgesamt sehen wir, dass deutlich mehr Unternehmen negative Effekte erwarten als positive.“ Konkret rechnen rund die Hälfte der befragten Betriebe bei Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern mit weniger als fünf Jahren Berufserfahrung mit sinkenden Löhnen innerhalb der nächsten fünf Jahre.
„Künstliche Intelligenz wird aus Sicht vieler Unternehmen die Löhne nicht für alle Beschäftigten gleichermaßen beeinflussen. Am ehesten rechnen sie bei weniger erfahrenen Arbeitskräften mit sinkenden Löhnen.“
Deutliche Unterschiede nach Qualifikation und Erfahrung
Die Umfrage differenziert nach Bildungsabschluss und Berufserfahrung. Die Kernergebnisse lauten:
- Bei Beschäftigten mit weniger als fünf Jahren Berufserfahrung und ohne Hochschul- oder Fachhochschulabschluss erwarten 48,3% der Betriebe sinkende Löhne, nur 5,9% erwarten steigende Löhne.
- Bei jungen Beschäftigten mit Hochschulabschluss sehen 50,8% der Unternehmen sinkende Löhne, während 16,3% steigende Löhne erwarten.
- Für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit mindestens fünf Jahren Erfahrung und ohne Hochschulabschluss prognostizieren 40,4% der Betriebe sinkende Löhne; 9,7% erwarten einen Anstieg.
- Bei erfahrenen Beschäftigten mit Hochschulabschluss bleiben 37,5% der Firmen pessimistisch, während 26% steigende Löhne erwarten.
| Gruppe | Erwartung sinkende Löhne | Erwartung steigende Löhne |
|---|---|---|
| <5 Jahre, ohne Abschluss | 48,3% | 5,9% |
| <5 Jahre, mit Hochschulabschluss | 50,8% | 16,3% |
| >=5 Jahre, ohne Abschluss | 40,4% | 9,7% |
| >=5 Jahre, mit Hochschulabschluss | 37,5% | 26,0% |
Branchenspezifische Verteilung
Die Einschätzungen variieren zudem nach Branche. Besonders in Dienstleistungsbranchen sehen die Unternehmen Risiken für die Löhne: Bei wenig erfahrenen Beschäftigten ohne Hochschulabschluss erwarten 53,3% der Dienstleister sinkende Löhne; bei lang Erfahrung sind es noch 44,2%. Im Handel liegen die entsprechenden Werte bei 47,9% (kurze Erfahrung) und 41,3% (lange Erfahrung). Die Daten signalisieren damit sektorale Unterschiede in der Verwundbarkeit von Beschäftigten gegenüber Automatisierungs- und Substitutionsrisiken durch KI.
Einordnung und Folgen
Die ifo-Ergebnisse deuten auf eine differenzierte Wirkung von KI auf den Arbeitsmarkt hin: Nicht alle Beschäftigten teilen dasselbe Risiko, Lohneinbussen zu erleiden. Junge und weniger qualifizierte Arbeitskräfte erscheinen nach Einschätzung der befragten Unternehmen am stärksten betroffen. Dagegen profitieren nach Meinung eines relevanten Anteils der Firmen qualifizierte und erfahrene Akademiker eher von Produktivitätsgewinnen durch KI.
Für Politik und Sozialpartner ergibt sich daraus ein klares Handlungsfeld: Arbeitsmarkt- und Bildungs‑ sowie Lohnpolitik müssen mögliche Verwerfungen abfedern. Massnahmen können Weiterbildung, gezielte Qualifizierungsförderung und flankierende Tarifpolitik sein, um Einkommensverluste bei besonders gefährdeten Gruppen zu begrenzen. Die Umfrage selbst liefert zwar keine direkten Handlungsempfehlungen, schafft aber eine empirische Grundlage für Debatten über soziale Folgen des technologischen Wandels.
Die Umfrage ist beschränkt auf Unternehmen, die bereits KI einsetzen; die Ergebnisse spiegeln damit die Erwartungen derjenigen wider, die Erfahrung mit der Technologie gesammelt haben. Ob die prognostizierten Lohnentwicklungen tatsächlich eintreten, hängt von weiteren Faktoren ab, etwa dem Tempo der technologischen Verbreitung, der Nachfrage nach entsprechenden Dienstleistungen und der Reaktion von Arbeitsmarktinstitutionen.