Eine internationale Studie des Institute for Systems Biology (ISB) in Seattle liefert neue Evidenz, dass die Häufigkeit des Stuhlgangs mit der Gesundheit innerer Organe zusammenhängt. Die Forschenden werteten bereits 2024 Daten von mehr als 1400 gesunden Erwachsenen im Alter von 18 bis 89 Jahren aus und verglichen Selbstangaben zu Stuhlgewohnheiten mit Laborbefunden aus Blut- und Stuhlproben. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal Cell Reports Medicine publiziert.
Kategorien der Stuhlhäufigkeit und primäres Ergebnis
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschieden vier Gruppen nach der Häufigkeit des Stuhlgangs. Am günstigsten schnitten Teilnehmende ab, die ein- bis zweimal täglich Stuhlgang hatten. Abweichungen sowohl in Richtung seltener als auch in Richtung häufiger zeigten sich in der Untersuchung mit einer erhöhten Belastung von Leber und Nieren.
| Kategorie | Definierte Häufigkeit |
|---|---|
| Verstopfung | Ein- bis zweimal pro Woche |
| Niedrig-normal | Drei- bis sechsmal wöchentlich |
| Hoch-normal | Ein- bis dreimal täglich |
| Durchfall | Häufige, wässrige Stühle (keine genaue Zahl in der Studie) |
Biologische Mechanismen
Die Studie liefert plausible Mechanismen für die beobachteten Zusammenhänge. Bei seltenerem Stuhlgang verbleibt Material länger im Darm, wodurch Darmbakterien vermehrt Proteine abbauen. Dabei entstehen toxische Metabolite, namentlich Indoxylsulfat und p-Kresylsulfat, die ins Blut gelangen und Nieren sowie Leber belasten können. Zu diesem Befund äusserte sich Studienleiter Sean Gibbons gegenüber NBC News:
„Wir haben vermutet, dass wir bei Menschen mit seltenerem Stuhlgang oder Verstopfung mehr dieser proteinstämmigen Toxine im Blut finden würden – und genau das haben wir gefunden. Diese Stoffe schädigen Leber und Nieren.“
Bei Teilnehmenden mit Durchfall zeigte sich ein anderes Problem: Eine vermehrte Ausscheidung von Gallensäuren kann die Leber belasten, da die Leber für die Rückgewinnung und den Stoffwechsel von Gallensäuren zentral ist. Die Studie deutet damit an, dass sowohl zu wenig als auch zu viel Stuhlfrequenz mit metabolischer Belastung einhergehen kann.
Konsequenzen und offene Fragen
Die Resultate zeigen eine klare Korrelation zwischen Stuhlfrequenz und Laborparametern, jedoch nicht notwendigerweise kausale Zusammenhänge. Wichtige Punkte, die sich aus der Studie ergeben:
- Die beste Bilanz in den untersuchten Parametern hatten Personen mit ein- bis zweimal täglichem Stuhlgang.
- Sowohl seltenerer Stuhlgang (Verstopfung) als auch häufiger Stuhlgang (Durchfall) hingen mit belasteten Leber- und Nierenwerten zusammen.
- Die Ergebnisse untermauern die Bedeutung des Darm-Mikrobioms für die systemische Gesundheit.
Die Studie basiert auf Querschnittsdaten: Beobachtete Zusammenhänge können Hinweiskraft haben, aber Interventionsstudien wären nötig, um Kausalität und therapeutische Optionen zu klären. Weitere Forschungsfragen betreffen unter anderem, ob gezielte Modulation des Mikrobioms (etwa über Ernährung, Probiotika oder Medikationen) die Konzentration der genannten Toxine reduziert und dadurch Organwerte verbessert.
Was bedeutet das für die Praxis?
Für Ärztinnen und Ärzte sowie Gesundheitsfachpersonen liefert die Untersuchung zusätzliche Argumente, Stuhlgewohnheiten nicht als Tabuthema zu behandeln. Veränderungen der Stuhlfrequenz können ein Indikator für systemische Belastungen sein und sollten im klinischen Kontext geprüft werden. Die Studie macht zudem deutlich, dass «normale» Stuhlmuster eine Bandbreite haben, und dass extreme Abweichungen Anlass zur Abklärung geben können.
Abschliessend bleibt festzuhalten: Die Häufigkeit des Stuhlgangs ist mehr als ein Komfortthema. Sie reflektiert biochemische Vorgänge im Darm und kann in der Folge die Leber- und Nierenfunktion beeinflussen. Ob und wie sich durch gezielte Eingriffe langfristig Organschäden vermeiden lassen, muss weiter untersucht werden.