Der französische Geriater und Kardiologe Prof. Dr. Athanase Benetos hat auf dem Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) eine Neubewertung der Blutdrucktherapie bei sehr alten, gebrechlichen Menschen gefordert. Er stellte die grundsätzliche Frage, ob Bluthochdruck im hohen Alter ebenso zwingend intensiv behandelt werden muss wie bei Jüngeren, und wies auf veränderte Nutzen‑Risiko‑Profile hin.
„Bluthochdruck ist bei älteren Menschen etwas anderes als bei jüngeren“,
Mit dieser Aussage fasst Benetos zusammen, worum es bei der Debatte geht: Mit zunehmendem Alter verändern sich nicht nur die Ursachen eines erhöhten Blutdrucks, sondern auch die Wirkung und die möglichen Nebenwirkungen von Medikamenten. Konsequent tiefe Zielwerte, wie sie bei jüngeren Patienten oft angestrebt werden, könnten bei hochbetagten, multimorbiden oder gebrechlichen Menschen anders zu bewerten sein.
Warum die Frage aktuell ist
Die Diskussion trifft auf eine alternde Gesellschaft: Immer mehr Menschen erreichen ein hohes Lebensalter und bringen spezifische gesundheitliche Herausforderungen mit. In diesem Kontext rücken nicht nur medizinische Leitlinien, sondern auch die praktische Versorgung in Spitälern, Spitex‑ und Pflegeeinrichtungen in den Fokus. Benetos präsentierte auf dem Kongress neue Erkenntnisse und interpretierte bestehende Befunde neu, ohne jedoch an dieser Stelle umfassende Details zu spezifischen Studien oder Zahlen zu nennen.
Die Kernbotschaft lautet: Therapieziele müssen am individuellen Patienten ausgerichtet werden. Das gilt besonders für ältere Menschen mit eingeschränkter Mobilität, kognitiven Einschränkungen oder begrenzter Lebenserwartung, bei denen Nebenwirkungen und Interaktionen mit anderen Medikamenten schwerer wiegen können als ein marginal reduziertes Risiko für Schlaganfall oder Herzinfarkt.
Konkrete Implikationen für die Versorgung
Aus Sicht der Versorgungspraxis hat die Diskussion mehrere praktische Konsequenzen:
- Individualisierte Therapieziele: Blutdruckziele sollen in Abstimmung mit Alter, Gebrechlichkeit und Patientenpräferenzen festgelegt werden.
- Medikationsüberprüfung: Regelmässige Überprüfung der Medikation zur Vermeidung von Übermedikation und unerwünschten Arzneimittelwirkungen.
- Interdisziplinäre Abklärung: Einbezug von Geriatrie, Kardiologie und Hausärzten bei komplexen Fällen.
Diese Punkte ergeben sich aus der öffentlichen Aussage Benetos', die auf den Kongressvorträgen thematisierten Aspekte lassen sich auch für die Schweizer Gesundheitsversorgung übertragen: Therapiezielsetzungen sollten nicht allein von Standardwerten bestimmt werden, sondern das Ganze des Patienten berücksichtigen.
| Aussage von Benetos | Mögliche Folge für die Praxis |
|---|---|
| Bluthochdruck ist bei älteren Menschen anders zu beurteilen | Therapieziele stärker individualisieren |
| Nutzen und Risiken verändern sich mit dem Alter | Regelmässige Nutzen‑Risiko‑Abwägung, Medikationscheck |
Benetos betonte auf dem gemeinsamen Jahreskongress der DGG die Notwendigkeit, ältere Patienten nicht automatisch nach denselben Kriterien zu behandeln wie Jüngere. Er plädierte dafür, den möglichen Schaden von Medikamenten in die Entscheidungsfindung einzubeziehen und gegebenenfalls «weniger» als therapeutisches Konzept zu akzeptieren, wenn dies dem einzelnen Patienten mehr Lebensqualität bringt.
Für die Schweiz bedeutet dies eine vertiefte Auseinandersetzung mit Leitlinien und ihren Anpassungen an die geriatrische Praxis. Künftig könnten Hausärzte, Spitalärzte und Geriater verstärkt gemeinsame, patientenzentrierte Konzepte entwickeln, um Überbehandlung zu vermeiden und gleichzeitig die relevanten kardiovaskulären Risiken angemessen zu adressieren.
Die Debatte ist zugleich ein Aufruf zur Forschung: Benetos präsentierte neue Erkenntnisse auf dem Kongress, doch die präzise Abwägung von Nutzen und Risiken in sehr alten, multimorbiden Patientengruppen bleibt ein Gegenstand aktiver wissenschaftlicher Arbeit. Bis belastbare, auf diese Gruppe zugeschnittene Leitlinien vorliegen, bleibt die individualisierte, interdisziplinäre Entscheidungsfindung zentrale Voraussetzung guter Versorgung.
In der Praxis heisst das für Ärztinnen und Ärzte, Pflegende und Angehörige: genauer hinsehen, regelmässig evaluieren und gemeinsam mit den Betroffenen Therapieziele definieren — denn mehr Medikamente sind nicht immer gleichzusetzen mit besserer Versorgung.