Eine grosse Analyse von Daten aus Langzeitbeobachtungen kommt zum Schluss: Für die Beurteilung des Risikos für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind Massangaben zur zentralen Fettverteilung mindestens so wichtig wie der Body-Mass-Index (BMI). Die Forschungsgruppe um die Biostatistikerin Zeina A. Dardari von der Johns Hopkins University wertete Befunde aus mehr als 260'000 Personen aus, die im Schnitt über rund 20 Jahre verfolgt wurden. Die Studie erschien im Fachblatt JACC.
Kernergebnis: Bauchfett erhöht Risiko auch bei Normalgewicht
Die Forschenden fanden, dass Personen mit normalem BMI oder leichtem Übergewicht, die gleichzeitig einen erhöhten Taillenumfang oder ein erhöhtes Taille-Hüft-Verhältnis aufwiesen, bei den untersuchten Herz-Kreislauf-Erkrankungen ein um 15 bis 50 Prozent erhöhtes Risiko hatten. Umgekehrt zeigte sich, dass Menschen mit Adipositas, aber niedrigem Taillenumfang, nicht zwingend ein grösseres Risiko hatten als normalgewichtige Personen mit niedrigem Taillenumfang.
«Unsere Ergebnisse unterstreichen die entscheidende Bedeutung, eine erhöhte zentrale Fettansammlung zu erkennen – auch bei Personen mit normalem BMI»,
zitierte die Studienautorin Zeina A. Dardari in einer Medienmitteilung. Die Forschenden warnen, dass eine ausschliessliche Orientierung am BMI bei vielen Personen zu einer Fehleinschätzung des kardiovaskulären Risikos führen kann.
Warum Bauchfett gesundheitsschädlicher ist
Die Studie betont einen zentralen biologischen Unterschied: Fettgewebe im Bauchraum (viszerales Fett) steht in engerer Verbindung mit Stoffwechselstörungen und Gefässerkrankungen als subkutanes Fett direkt unter der Haut. Viszerales Fett produziert entzündungsfördernde Substanzen und beeinflusst Insulinresistenz, Blutdruck und Lipidstoffwechsel – alles Wirkmechanismen, die das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und andere kardiovaskuläre Ereignisse erhöhen können.
Implikationen für Praxis und Prävention
Für Hausärztinnen und Hausärzte, Gynäkologinnen, Endokrinologinnen und andere Gesundheitsfachpersonen bedeutet die Studie, dass eine einfache Messung des Taillenumfangs oder die Berechnung des Taille-Hüft-Verhältnisses einen zusätzlichen, leicht erhobenen Indikator liefern kann. Praxisrelevante Punkte:
- Taillenumfang und Taille-Hüft-Verhältnis ergänzen den BMI bei der Risikoabschätzung.
- Patientinnen und Patienten mit normalem BMI, aber zentraler Fettverteilung benötigen gezielte Beratung zu Lebensstil und ggf. weiterführender Abklärung.
- Screening-Programme sollten überlegen, ob sie zentrale Fettmaße routinemässig einbeziehen.
Die Forschenden betonen, dass sich die Blutdruck-, Diabetes- und Lipidkontrolle weiterhin zentral auf die kardiovaskuläre Prävention auswirkt. Die neue Erkenntnis betrifft primär die Erkennung von Personen, bei denen das Risiko wegen einer zentralen Fettverteilung unterschätzt werden könnte.
Datenlage und Grenzen
Die Aussagekraft der Untersuchung stützt sich auf die grosse Fallzahl (mehr als 260'000 Teilnehmende) und die lange Nachbeobachtungszeit (im Mittel rund 20 Jahre). Dennoch sind in Beobachtungsstudien bestimmte Einschränkungen zu berücksichtigen: Kausale Zusammenhänge lassen sich nicht definitiv beweisen, und Residualkonfounder könnten verbleiben. Die Publikation in JACC liefert jedoch starke epidemiologische Hinweise, die mit Mechanismen der Viszeralität und kardiometabolischen Erkrankungen konsistent sind.
| Parameter | Angabe |
|---|---|
| Teilnehmende | Mehr als 260'000 |
| Durchschnittliche Nachbeobachtung | Rund 20 Jahre |
| Erhöhtes Risiko bei zentraler Fettverteilung | 15–50 % (je nach Erkrankung) |
Für die Schweiz bedeuten die Ergebnisse: Ärztinnen und Ärzte sowie Gesundheitsbehörden sollten in Präventionsstrategien und Beratungsgespräche die Verteilung des Körperfetts stärker berücksichtigen. Einfache Massnahmen wie Gewichtsreduktion bei zentraler Adipositas, Bewegung und Ernährungsberatung bleiben Grundpfeiler. Ob nationale Leitlinien künftig konkrete Vorgaben zum routinemässigen Messen des Taillenumfangs aufnehmen, dürfte Gegenstand fachlicher Diskussionen sein.
Die Studie liefert einen klaren Hinweis: Der BMI allein reicht nicht immer aus, um das kardiovaskuläre Risiko korrekt zu erfassen. Ergänzende Messungen der zentralen Fettverteilung können helfen, gefährdete Personen früher zu erkennen und gezielte Präventionsmassnahmen anzustossen.