Die Schweiz verzeichnet einen überraschenden Rückgang bei bestätigten Wolfsrissen an Nutztieren, obwohl die Population der Wölfe weiterhin wächst. Laut Angaben von naturschutz.ch leben inzwischen bis zu 46 Wolfsrudel im Land. Eine Auswertung öffentlich zugänglicher Daten durch die Gruppe Wolf Schweiz zeigt jedoch, dass in den meisten betroffenen Kantonen die Risszahlen deutlich zurückgegangen sind.
Konkrete Rückgänge in mehreren Kantonen
Die Auswertung dokumentiert markante Unterschiede zwischen den Kantonen. Am deutlichsten ist der Rückgang in Graubünden und in Waadt. In Graubünden wurden bis Ende Juli 2025 insgesamt 67 Nutztiere als Wolfsrisse registriert; im laufenden Jahr wurden bislang nur 29 Fälle gemeldet, also weniger als die Hälfte. Noch drastischer zeigt sich die Entwicklung im Kanton Waadt: Die Zahl sank von 114 bis Ende Juli 2025 auf bisher 5 bestätigte Risse im laufenden Jahr.
| Kanton | Risse bis Ende Juli 2025 | Risse laufendes Jahr (bisher) |
|---|---|---|
| Graubünden | 67 | 29 |
| Waadt | 114 | 5 |
| Wallis (gesamt) | höchste Zahl | tiefster Stand seit mindestens sechs Jahren |
Regional unterschiedliche Dynamik im Wallis
Das Kanton Wallis bleibt insgesamt Spitzenreiter bei den gemeldeten Wolfsrissen, doch auch dort zeichnen sich Auffälligkeiten ab: Zwischen Ober- und Unterwallis bestehen grosse Unterschiede. Im ganzen Unterwallis wurden im laufenden Jahr lediglich zwei bestätigte Angriffe registriert, während im Oberwallis Risse in weiten Teilen auftreten. Das ist bemerkenswert, weil das Unterwallis mit rund acht Rudeln gemäss der Auswertung mehr Rudel aufweist als das Oberwallis mit etwa drei bis fünf Rudeln. Die reine Zahl der Wölfe erklärt das Rissgeschehen demnach nicht allein.
Ursachenwahrscheinlichkeit: Herdenschutz statt reiner Bestandsgröße
Die Analyse deutet darauf hin, dass Faktoren wie die Art der Nutztierhaltung und der Herdenschutz eine wichtige Rolle spielen. Unterschiede in Betreuungsintensität, Einsatz von Herdenschutzhunden, Zäunungen oder Nachtpferchen könnten demnach stärker bestimmen, wo Nutztiere gefährdet sind, als die bloße Dichte an Wölfen. Abschüsse werden in der Auswertung als Erklärung für die regionalen Unterschiede im Wallis als weniger plausibel bezeichnet.
Weitere Befunde und Datenlage
- In den Kantonen Obwalden und Schwyz wurden bisher keine Nutztiere gerissen.
- Glarus verzeichnete einen Riss, St. Gallen zwei.
- Einzig im Kanton Neuenburg ist auf tiefem Niveau eine Zunahme der Risse feststellbar.
- Für das Tessin können derzeit keine belastbaren Aussagen gemacht werden, da der Kanton keine vollständigen Daten für das laufende Jahr publiziert.
Einordnung für Politik und Landwirtschaft
Die Entwicklung hat Relevanz für die Debatte um die Koexistenz von Grossraubtieren und Nutztierhaltung in Mitteleuropa. Sinkende Risszahlen trotz wachsender Wolfspopulation legen nahe, dass gezielte Massnahmen des Herdenschutzes wirksam sein können. Für Entscheidungsträger in Landwirtschaft, Naturschutz und Raumplanung bedeutet dies, dass Investitionen in präventive Schutzmassnahmen möglicherweise effizienter sind als alleinige Bestandsregulierungen.
Gleichzeitig mahnt die Auswertung zur Vorsicht: Unterschiede zwischen Regionen zeigen, dass Lösungsansätze lokal angepasst werden müssen. Wo Zäune, Überwachung und Herdenschutzhunde konsequent eingesetzt werden, scheinen die Schäden zu sinken; in anderen Gebieten bleibt die Situation angespannt. Weitere, standardisierte Datensammlungen und evaluative Studien würden helfen, die Wirksamkeit einzelner Schutzinstrumente klarer zu belegen.
Für die Schweiz heißt das Ergebnis: Die Zahl der Wölfe allein ist kein verlässlicher Indikator für das Konfliktniveau mit der Weidetierhaltung. Vielmehr sind Management und Schutzpraktiken Schlüsselgrößen für die Schadensentwicklung.