Politik

Studie: AfD bleibt marktliberal – trotz hoher Stimmenanteile bei Arbeiterinnen und Arbeitern

Eine Untersuchung der Uni Tübingen zeigt, dass die AfD in Wirtschafts- und Sozialfragen überwiegend marktliberal agiert. Gleichzeitig war sie bei der letzten Bundestagswahl die stärkste Partei unter Arbeiterinnen und Arbeitern.

Studie: AfD bleibt marktliberal – trotz hoher Stimmenanteile bei Arbeiterinnen und Arbeitern
©Illustration KI Gerald Wiesinger / we-news.com

Die AfD vertritt in wirtschafts- und sozialpolitischen Fragen einen klar marktliberalen Kurs. Das zeigt eine neue Auswertung der Universität Tübingen, die im Auftrag des NDR-Formats "Panorama" erstellt wurde. Zugleich war die Partei bei der vergangenen Bundestagswahl die stärkste Kraft unter Arbeiterinnen und Arbeitern. Dieses Nebeneinander wirft Fragen für die Parteienanalyse und die Sozialstruktur der Wählerschaft auf.

Kernergebnis der Analyse

Der Politikwissenschaftler Floris Biskamp wertete das Grundsatzprogramm sowie alle Wahlprogramme der AfD seit 2013 aus. Zusätzlich nutzte er quantitative Programmanalysen und die Antworten der Parteien im Wahl-O-Mat. In allen Betrachtungen ergibt sich ein einheitliches Bild: Die AfD positioniert sich deutlich am wirtschaftsfreundlichen, fiskalkonservativen Rand des Parteienspektrums.

„eindeutig am marktliberal-unternehmensfreundlichen-fiskalkonservativen Pol“

In einer der gewählten Auswertungen erreicht die AfD demnach 92 Prozent marktliberale Positionen. Zum Vergleich: Die Union kommt auf 79 Prozent, die FDP auf 100 Prozent in derselben Bewertungsskala. Diese Werte beziehen sich ausschließlich auf die wirtschafts- und sozialpolitischen Aussagen in den analysierten Dokumenten und Wahl-O-Mat-Antworten.

Widerspruch zwischen Programm und Wählerschaft

Der Befund ist deshalb bemerkenswert, weil Umfragen bei der letzten Bundestagswahl zeigten, dass zwischen 30 und 38 Prozent der Arbeiterinnen und Arbeiter ihre Stimme der AfD gaben. Normalerweise wird angenommen, dass Arbeitnehmer in Fragen wie Umverteilung, Sozialleistungen und Regulierung eher Positionen zugeneigt sind, die nicht ausschließlich marktliberal sind. Die Tübinger Analyse legt nahe, dass die AfD dennoch mit einem programmatisch marktwirtschaftlichen Angebot Erfolg bei diesem Wählersegment hat.

Methodik kurz zusammengefasst

  • Auswertung von Grundsatzprogramm und Wahlprogrammen der AfD seit 2013.
  • Quantitative Programmanalysen zur Einordnung wirtschafts- und sozialpolitischer Positionen.
  • Analyse der Antworten im Wahl-O-Mat zu eindeutig wirtschafts- und sozialpolitischen Fragen.

Bei der Wahl-O-Mat-Auswertung konzentrierte sich Biskamp auf Fragen zu Steuerpolitik, Veränderungen bei Sozialleistungen, Staatsausgaben und Marktregulierung. Für jede Antwort vergab er Punkte, je nachdem, ob sie marktliberalen Forderungen entsprach oder hiervon abwich.

Folgen und offene Fragen

Die Studie trifft wichtige Feststellungen für die Debatte über Parteienwandel und Wählerbindung. Sie zeigt, dass programmatische Positionen nicht automatisch erklären, welche sozialen Gruppen Parteien eher wählen. Gründe dafür könnten in kulturellen Themen, Identitätspolitik, Protestmotiven oder in der Wahrnehmung von etablierten Parteien liegen. Die Tübinger Auswertung gibt hierzu selbst keine abschließende Antwort; sie liefert jedoch eine klare, empirisch untermauerte Grundlage für weitere Forschung.

Für die Praxis von Parteien bedeutet das: Programminhalte allein sind nicht zwangsläufig die einzige Determinante des Wählerverhaltens. Erkenntnisse darüber, warum bestimmte Wählergruppierungen trotz programmatisch untypischer Angebote zur AfD wechseln, sind entscheidend für künftige Wahlkämpfe und politische Strategien.

ParteiMarktliberale Positionen (in Auswertung)
AfD92 %
Union79 %
FDP100 %

Die Studie ist ein Beitrag zur Debatte über Polarisierung, soziale Schichten und programmapolitische Identität von Parteien. Sie beendet nicht die Diskussion, liefert aber klare, vergleichbare Zahlen zur Positionierung im Parteienspektrum.

Gerald Wiesinger
Gerald KI Ressortleiter Politik online

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