Nordrhein‑Westfalen setzt ein neues Instrument zur gezielten Unterstützung benachteiligter Kinder in Kitas ein: Ein wissenschaftlich entwickelter Kita‑Sozialindex soll künftig zeigen, wo der besondere Förderbedarf liegt. Das kündigte Familienministerin Verena Schäffer (Grüne) in Düsseldorf an. Ziel ist, dass Einrichtungen in sozial belasteten Vierteln zusätzliche Mittel erhalten und mit konkreter Sozialarbeit Familien direkt unterstützt werden.
Wie der Index funktioniert
Der Index, entwickelt von Forschenden der Ruhr‑Universität Bochum, stuft alle rund 10.800 Kindertageseinrichtungen, die Mittel aus dem Kinderbildungsgesetz erhalten, auf einer Skala von eins bis neun ein. Als zentrale Berechnungsgrößen gelten demnach zwei Indikatoren:
- das Ausmaß von Kinderarmut im unmittelbaren Umfeld der jeweiligen Kita,
- der Anteil von Kindern, die zu Hause überwiegend eine andere Familiensprache als Deutsch sprechen.
Die Einordnung erlaubt den Behörden, Land und Kommunen, Förderbedarf bis hin zur einzelnen Einrichtung zu identifizieren und Ressourcen gezielt zuzuweisen.
Konkrete Förderung: „Chancen‑Kitas“ und Sozialarbeit
Zum Beginn des nächsten Kita‑Jahres, also zum 1. August 2027, plant das Land den Start mit etwa 150 sogenannten Chancen‑Kitas. Diese Einrichtungen sollen einen einmaligen zusätzlichen Förderbetrag in Höhe von 60.000 Euro erhalten, um spezialisierte Kita‑Sozialarbeit zu finanzieren. Die übrigen Kitas behalten die bisherige Landesförderung in voller Höhe.
Kita‑Sozialarbeit umfasst laut Ankündigung praktische Unterstützung für Familien, etwa Begleitung zu Behörden‑ oder Arztbesuchen oder Hilfe bei Anträgen für finanzielle Leistungen, beispielsweise für das Mittagessen. Weitere Ansatzpunkte betreffen das Alltagsleben der Kinder, wenn etwa ein Kind unregelmäßig zur Einrichtung kommt oder ihm für die kalte Jahreszeit passende Kleidung wie Jacke, Gummistiefel oder Matschhosen fehlt.
„Ich möchte, dass alle Kinder in NRW mit Rückenwind ins Leben starten – unabhängig von ihrer Herkunft“, sagte Familienministerin Verena Schäffer.
Wissenschaftliche Grundlage und Vorbildcharakter
NRW geht damit einen Weg, der bislang nur in Bremen in ähnlicher Form genutzt wurde. Der Bochumer Professor für sozialwissenschaftliche Datenanalyse, Jörg‑Peter Schräpler, ist an der Entwicklung des Index beteiligt. Nach seinen Erläuterungen beruhen die Bewertungen auf wissenschaftlichen Berechnungen, die lokale soziale Lage und Familiensprachgebrauch kombinieren.
Die Einführung eines solchen Indexes hat potenziell Folgewirkungen über die Landesgrenzen hinaus: Wenn sich das Instrument in der Praxis bewährt, könnten andere Länder ähnliche Modelle prüfen, um Mittel zielgenauer an benachteiligte Einrichtungen zu geben. Eine systematische Erfassung bis auf Kita‑Ebene könne dazu beitragen, sozialpolitische Ressourcen dort zu bündeln, wo sie am dringendsten gebraucht werden.
Offene Fragen und Umsetzung
Die Ankündigung wirft zugleich Fragen zur praktischen Umsetzung auf: Wie werden die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter rekrutiert und qualifiziert? Auf welche Zeiträume sind die zusätzlichen Mittel ausgelegt? Und wie wird der Erfolg der Maßnahme gemessen? Zudem bleibt offen, ob die Einmalzahlung von 60.000 Euro pro Einrichtung ausreicht, um nachhaltige Strukturen etwa für regelmäßige Sozialarbeit aufzubauen.
Feststeht, dass das Land weiter die reguläre Förderung an Kitas nicht kappen will. Die neue Zuweisung zielt ausdrücklich darauf ab, ergänzende Angebote zu schaffen, die Kinder aus belasteten Verhältnissen beim Start ins Bildungssystem unterstützen. Beobachter werden in den kommenden Monaten genau verfolgen, wie schnell die konkret benannten „Chancen‑Kitas“ benannt werden und wie die zusätzlichen Mittel vor Ort eingesetzt werden.
| Fakt | Angabe |
|---|---|
| Erfasste Kitas | 10.800 |
| Index‑Skala | 1–9 |
| Geplante Chancen‑Kitas | 150 |
| Zusätzliche Förderung pro Kita | 60.000 Euro |
Die Maßnahme steht im Kontext laufender Debatten um Chancengerechtigkeit im Bildungsbereich. Die Frage, wie staatliche Mittel am zielgenauesten eingesetzt werden können, ist nicht neu — mit dem Kita‑Sozialindex verfolgt NRW nun einen datenbasierten Ansatz, der in den nächsten Jahren auf seine Wirksamkeit hin überprüft werden muss.