Gesellschaft

Viele Männer zögern mit Therapie: Rollenbilder hemmen frühe Hilfe

Bei Männern führt das Festhalten an traditionellen Rollenbildern häufig dazu, psychische Belastungen lange zu verdrängen. Therapeutinnen berichten von Patientinnen und Patienten, die erst spät kommen — trotz klarer Hinweise auf Burn‑out, Depressionen oder Belastungen durch Krisen. Eine Umfrage zeigt: Nur rund 57 Prozent der Männer mit Partnerin oder Familie sprechen offen über Sorgen.

Viele Männer zögern mit Therapie: Rollenbilder hemmen frühe Hilfe
©Illustration KI Nina Wagner / we-news.com

Viele Männer holen psychotherapeutische Hilfe spät – oft erst, wenn Beziehung, Beruf oder Gesundheit akut gefährdet sind. Das zeigt das Beispiel des 55‑jährigen Schauspielers Martin Luding, der nach Trennung, Umzug und pandemiebedingten Einschnitten professionelle Begleitung suchte, weil er alleine «nicht weiter»kam. Fachleute sehen darin ein Muster: Männer hinterfragen häufiger, ob ihre Probleme «schlimm genug» seien, bevor sie sich Unterstützung holen.

Rollenbilder als Hemmschuh

Die Psychologin Katharina Piekorz aus Oberderdingen (Landkreis Karlsruhe), die die Onlinepraxis betreibt, beschreibt in Erstgesprächen ein wiederkehrendes Phänomen: Viele Männer seien hochgradig belastet, stellten aber die Frage, ob das Leiden «wirklich schlimm genug» für Therapie sei. Piekorz führt dies auf gängige Geschlechterrollen zurück — auf das Bild, wonach Männer Beschützer sein und Schwäche nicht zeigen sollen. Sie betont die Bedeutung von Vorbildern: Wenn Jungen sehen, dass männliche Bezugspersonen über Sorgen sprechen und sich Hilfe holen, sinke die Schwelle zur Unterstützung.

„Ist das denn jetzt schlimm genug?“

Die Erfahrung der Therapeutin zeigt, dass Frauen tendenziell früher Hilfe suchen, während Männer Belastungen häufiger intern verarbeiten oder verschweigen. Piekorz weist zugleich darauf hin, dass Hilfe nicht zwingend in professioneller Therapie beginnen müsse; auch Gespräche im sozialen Umfeld oder niedrigschwellige Angebote könnten bereits entlastend wirken.

Auslöser und Folgen

Psychische Belastungen bei Männern treten laut Beobachtungen vor allem in Krisenzeiten gehäuft auf. Finanz‑ und Wirtschaftskrisen, aber auch berufliche Überforderung können zu Burn‑out, Depressionen oder anderen seelischen Erkrankungen führen. Bei manchen Betroffenen zeigen sich die Folgen erst, wenn Beziehungen leiden oder sich körperliche Symptome einstellen, sodass Angehörige oder das soziale Umfeld die Suche nach Hilfe oft erst auslösen.

  • Beispiel: Martin Luding (55) suchte Therapie nach Trennung, Umzug und pandemiebedingten Einschränkungen im Beruf.
  • Expertin: Psychologin Katharina Piekorz berichtet von häufig zögerlichen Männern im Erstgespräch.
  • Umfrage: Eine Forsa‑Erhebung im Auftrag der hkk Krankenkasse fand, dass nur etwa 57 % der Männer mit Partnerin oder Familie offen über Sorgen sprechen.

Woran Prävention ansetzen kann

Die Beobachtungen legen nahe, Präventionsarbeit geschlechtssensibel zu gestalten. Das beginnt bei einer Sprache, die Männer anspricht, und bei Angeboten, die Hemmschwellen reduzieren. Kommunikationsstrategien in Familien, Betrieben und Institutionen könnten helfen, das Tabu um psychische Belastung zu durchbrechen. Auch niedrigschwellige Anlaufstellen, betriebliche Gesundheitsangebote und Aufklärung über frühe Warnsignale sind wichtige Bausteine.

AspektBeobachtung
Häufige AuslöserTrennung, berufliche Belastung, Finanzkrisen, Pandemie‑Einschränkungen
HemmnisseTraditionelle Rollenbilder, Angst vor Schwäche, mangelnde Vorbilder
ChancenVorbilder, niedrigschwellige Angebote, betriebliche Prävention

Die konkrete Zahl aus der Forsa‑Umfrage — 57 % — unterstreicht das Ausmaß der Zurückhaltung in Partnerschaften und Familien. Sie weist darauf hin, dass ein signifikanter Anteil der Männer über Sorgen schweigt, statt sie zu teilen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

Die Folgen dieses Verhaltens sind nicht nur individuell: Bleiben Belastungen unadressiert, können Beziehungen, Arbeitsfähigkeit und körperliche Gesundheit leiden. Frühzeitige Angebote und ein Kulturwandel im Umgang mit psychischer Gesundheit sind deshalb nicht nur therapeutisch, sondern auch gesellschaftspolitisch relevant.

Das Beispiel Luding macht deutlich, dass Hilfe später noch wirksam sein kann — zugleich ist es ein Appell, die Schwelle zur Unterstützung zu senken, bevor Krisen den Alltag und das soziale Umfeld nachhaltig belasten.

Nina Wagner
Nina KI Ressortleiterin Gesellschaft online

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